Yoga ruins your life

05.07.2016,
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Nicht der Körper sei steif und unbeweglich, sondern der Geist: „Body not stiff. Mind stiff.“ Das pflegte Krishna Pattabhi Jois, einer der maßgeblichen Yogalehrer der jüngeren Vergangenheit, gerne und vergnügt zu sagen. Er brachte mit diesen fünf Worten das Wesen des Yoga auf den Punkt. Stell dich auf die Matte und übe. Der Rest ergibt sich. Er selbst brauchte dafür nicht einmal eine Matte, ein kleiner Teppich genügte ihm.

 

Im Gegensatz dazu ist Yoga zurzeit hauptsächlich wahnsinnig schick. Allwöchentlich sperrt irgendwo ein neues Yogastudio auf, und dagegen wäre auch nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, wenn das, was als Yoga verkauft wird, auch Yoga wäre, und nicht nur Gymnastik mit Räucherstäbchen oder Leistungsturnen in sauteurem Gewand.

 

Zwischen verstaubtem Althippiegetue einerseits und todschickem Lifestyle andererseits verliert sich der eigentliche Hintergrund dieser uralten, immer wieder modifizierten, in ihren Grundsätzen jedoch unverrückten Disziplin. Und entgegen der verbreiteten Meinung, hier würden Elefantengötter oder obskure Sektenführer angebetet, hat Yoga genau so wenig mit Religion oder Esoterik zu tun wie die Denkgebäude eines, sagen wir, Arthur Schopenhauer. Yoga ist vielmehr eine der sechs klassischen indischen Philosophielehren und damit eine jahrtausendealte, bewundernswert präzise Denkschule, an der sich schon viele große, auch westliche Geister gelabt haben.

 

Besagter Arthur Schopenhauer, bekanntlich das Gegenteil eines Esoterikers, schrieb über die Upanishaden, die als eine der grundlegenden Schriften des Yoga gelten: „Der Upanishad ist (...) die Ausgeburt der höchsten menschlichen Weisheit“, und „die belohnendste und erhebendste Lektüre, die (der Urtext ausgenommen) auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens seyn“.

 

Das „Turnen“, das heute nicht nur im Vordergrund steht, sondern oft fälschlicherweise als die Sache selbst erachtet wird, ist tatsächlich nur ein kleiner Teil dieser Philosophie. Es ist gerade einmal der Beginn der Selbstdisziplinierung, und gute Yogalehrende vermitteln das auch behutsam, aber die drohen gerade in der Masse der Lifestyleyogis unterzugehen.

 

Der Sanskrit-Begriff „Yoga“ bedeutet wörtlich übersetzt „zusammenbinden“, also Geist und Körper zu einer Einheit zusammenzuschweißen, und zu diesem Zweck muss der Mensch einerseits mit seinem Leib und all dessen Innereien auf du und du sein, zugleich jedoch – natürlich viel anspruchsvoller und schwieriger - auch seinen Geist erziehen. Wer die Schwerkraft überwinden will, braucht beides. Ohne physische Kraft schwächelt der Geist, ohne geschulten Willen bleibt der Körper schlapp. Soweit die sehr vereinfacht dargestellte Theorie.

 

Doch von Yoga als Philosophie, als Lebensschule, als raffinierte und auf allen zur Verfügung stehenden Ebenen ansetzende Schulung zur Gelassenheit und zur ständigen Selbstüberprüfung hat natürlich kaum jemand eine Ahnung, der in seine erste Yogastunde marschiert. Wie auch. Die Welle der Geschäftemacherei hat vielmehr eine willige, großteils weibliche Konsumentengruppe erfasst und ist im Begriff, die eigentliche Botschaft des Yoga in einer Woge aus entbehrlichem sündhaft teurem Schnickschnack zu ertränken. Tatsächlich braucht man aber gar nichts dazu - außer einem starken Willen und einen guten Lehrer.

 

Der US-Amerikaner Richard Freeman gilt als einer der besten von ihnen. Zurecht: Seine Ashtanga-Yoga-Workshops sind an Klarheit und Präzision unüberboten, jede Bewegung verknüpft er mit Philosophie, jede Pose erklärt er aus den Schriften, bleibt dabei immer humorvoll und turnt selbst eine Yogapraxis, die gerade einmal eine Handvoll Leute auf dem Globus beherrschen. Noch nie jedoch hat man den besonnenen, stets mit sichtlich betagten Turnhosen umhüllten Mittsechziger in Yogamarkenfummeln gesehen - im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Yoga-Größen, die mittlerweile wie die Litfaßsäulen der Bekleidungsindustrie daherkommen.

 

Das Starlet der Szene ist die sehr ansehnliche Kino MacGregor, ebenfalls Amerikanerin, ebenfalls eine weltklasse Ashtanga-Turnerin allererster Güte. Auch ihre Workshops sind, was die Lehre der Bewegung anlangt, großartig, doch als Merchandising-Queen, die selbst aktiv Yoga-Zeug vom Höschen bis zum Kettchen via Website vertreibt, bleibt die kleine Superturnerin fragwürdig. Raga, die Gier, Asmita, das übergroße Ego. Das wären eigentlich zwei der fünf großen Hindernisse auf dem yogischen Weg. MacGregor zieht denn auch eine schrille, fast ausschließlich weibliche Fangemeinde an, die von beidem sichtlich noch nie im Leben gehört hat.

 

MacGregors Workshops wirken wie Yoga-Modenschauen: Ein knappes bauchfreies Oberteil schillert da neben dem anderen, die Hintern alle wohlgeformt in sauteuren Yogamarken-Strumpfhosen. Vor allem aber wird rundum mächtig angegeben. Das tut man, indem man vorgibt, sich aufzuwärmen. Beine möglichst auffällig gen Decke strecken, kleine Handstände da und dort einlegen, Gelenkigkeitsübungen vorzeigen, möglichst, wenn alle hinschauen. Das ist lustig, aber eben Schauturnen auf hohem Niveau und kein Yoga, und ein Yogalehrer ist letztlich immer nur so gut wie seine Schüler.

 

Wer zum ersten Mal in eine richtig gute Yogastunde kommt, nimmt ein Duell mit der Schwerkraft auf – und verliert es gewöhnlich. Man ist, egal wie viel Kilo man wiegt, sehr schwer, wenn man Yoga macht. Insbesondere wenn es sich um Ashtanga Yoga handelt, das einen Liegestütz nach dem anderen zelebriert und als die anstrengendste und akrobatischste Yoga-Variante gilt. Kaum eine Abfolge von Körperübungen veranschaulicht besser, wie geradezu unheimlich schwer man ist.

 

Man lege sich zur Veranschaulichung kurz flach auf den Bauch und hebe sich dann auf Händen und Füßen wie ein Krokodil vom Boden ab. Kinn vor. Schultern stabil. Ellenbögen direkt an den Rippen. Aha? Gut. Dann wissen Sie jetzt, was gemeint ist. Der Geist ist willig, das Fleisch erweist sich als schwach. Eigentlich auch als zäh und unflexibel, als asymmetrisch und störrisch.

 

Das ist der Beginn einer langen, anstrengenden und sehr lohnenden Reise, die man mit und in sich selbst unternimmt. Die Yogamatte wird zum eigenen Königreich, in dem man bis tief in sein Innerstes hineinkriecht, seine Faszien, Sehnen, Muskeln kennenlernt, vor allem aber auch seine Schwächen, die Faulheit, den Widerwillen, die Eitelkeit, den Hochmut anderen gegenüber – und das kann jeder. Nicht nur die körperlich Begünstigten.

 

Ein Zitat des Ashtanga-Yoga-Gründers Krishna Pattabhi Jois bringt es auf den Punkt: „Anyone can practice. Young man can practice. Old man can practice. Very old man can practice. Man who is sick, he can practice. Man who doesn't have strength can practice. Except lazy people; lazy people can't practice Ashtanga Yoga.“ Jeder kann also den Weg einschlagen. Nur die Faulen nicht. Und die Selbstdarsteller, die sind irgendwann einmal falsch abgebogen.

Erschienen in der Presse

Auf 80 Milliarden Dollar Umsatz jährlich wird das Geschäft mit der indischen Heilslehre zurzeit geschätzt, Tendenz rasant steigend. In den USA beispielsweise haben sich die Ausgaben für Yoga-Accessoires in den vergangenen sechs Jahren verdoppelt, und die Yoga-Industrie rangiert unter den zehn am stärksten wachsenden Wirtschaftszweigen.


Die Heilsbotschaft der Unternehmer besteht natürlich nicht aus yogischen Grundsätzen wie Askese, Selbstdisziplin, Behutsamkeit im Umgang mit anderen und innerer Einkehr, sondern aus Yogamatten, dazu passenden Taschen, aus Yogakleidung, Yogareisebüros, Yogaführern, Yogaernährung, Yogaschmuck, Yogaschnickschnack und anderem meist erstaunlich kostspieligem Zeug, das kein Mensch wirklich braucht. Kauft, Leute, heißt die Devise, und zeigt der Welt mit euren Klamotten, dass ihr echte Yogis seid!


Manch zeitgenössische Gurus – wobei Guru übersetzt nicht Sektenführer bedeutet, sondern „Lehrer“ – rufen die absurdesten Trends aus. Derzeit en vogue sind beispielsweise Nacktyoga, Yoga mit Hund, Aqua-Yoga, Yoga mit verbundenen Augen, Schrei-Yoga, Yoga zu Pferd. Braucht man auch alles nicht wirklich.


Die Geschäftemacherei äußert sich jedoch auch in katastrophal oberflächlichen Schnellsiederkursen für angehende Yogalehrer. In gerade einmal vier Wochen kann eine solche „Ausbildung“ absolviert werden. Die Internationale Yoga Alliance, derzeit eine der wenigen ernst zu nehmenden Dachorganisationen der Branche, zertifiziert nach wesentlich strengeren Kriterien. Hier dauert die Ausbildung gewöhnlich mindestens ein Jahr, erfolgt nach einem präzisen Kriterienkatalog und ist Schwerarbeit für Körper und Hirn. Nicht nur die einzelnen Positionen und deren Hilfestellung werden genau studiert, die Ausbildung beinhaltet auch jede Menge Philosophie, Geschichte, Grundbegriffe des Sanskrits und – extrem wichtig – viel Anatomie.


„Ein Faktor, der das moderne Yoga von seinen Vorläufern unterscheidet“, schreibt William J. Broad in seiner 2012 erschienenen Abhandlung über „The Science of Yoga“, „ist der Wandel von einer Berufung zu einem teuren Lifestyle.“ Er erinnert darin auch an die bereits vor immerhin bereits einem halben Jahrhundert aufgekommene Kritik an „übertriebenen Behauptungen“, was die Wunder anlangt, die Yoga angeblich wirken könne: „Heute ist die Situation noch schlimmer. (...) Heute stehen Milliardenbeträge auf dem Spiel, wenn es um die öffentliche Darstellung der Wirkungen geht, die durch Yoga erzielt werden können, und die Versuchung ist groß, dass man seine Erklärungen mit allem Möglichen ausschmückt.“


Broad kommt, nach Studium zahlloser wissenschaftlicher Abhandlungen und Forschungsergebnissen in Sachen Risiken und Vorzüge des Yoga zum Schluss: „Yoga kann töten und verstümmeln – oder Ihr Leben retten und Ihnen das Gefühl geben, ein Gott zu sein. Das ist eine ganz schöne Bandbreite. Verglichen damit wirken die meisten anderen Sportarten und körperlichen Betätigungen wie Kinderkram.“