Wovon träumen Bäume?

02.06.2018,
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Ein ganz früher Sommermorgen im Juni. Es ist kurz nach Vier und bereits hell, doch die Sonne lässt noch auf sich warten. Die Welt schläft. Zumindest die Menschenwelt, um die sich unserer beschränkten Wahrnehmung nach alles zu drehen scheint. Kein Lärm, vielmehr herrliche Ruhe. Unterdessen singt in der alten Fichte ein Amselhahn.


Er ist noch jung, sein Lied ist gut, aber noch nicht meisterlich. Der ältere Kollege vom Revier nebenan ist schon ein paar Strophen weiter. Er pflegt an das Ende jedes Gesangsablaufs einen Triller zu hängen und versteht es, sein Repertoire zierlich zu variieren. Die alten Haudegen, gewissermaßen die Carusos unter den Amseln erlernen im Laufe der Jahre bis zu 300 Gesangselemente, und die kombinieren sie in kunstvollen Reihen zu phantastischen Arien. Doch das weiß kaum jemand, und es interessiert auch nicht viele. Sind ja nur Vögel und nicht einmal selten.


Eine Stunde später machen sich die ersten Pensionisten auf den Weg zum Bäcker, um die frischen Frühstückssemmeln abzuholen, doch die Welt schläft immer noch weitgehend. Dem Seidenbaum beispielsweise sieht man das sogar an. Er hat seine gefiederten Blättchen seit Sonnenuntergang adrett zusammengeklappt und wird erst aufstehen und sie entfalten, wenn die Sonne scheint.


Ein Baum, der schläft? Ja! Der erste, der sich mit wissenschaftlicher Akribie diesem Thema zuwandte, war Carl von Linné. Er verfasste 1755 eine Abhandlung mit dem Titel „Somnus plantorum“, der Schlaf der Pflanzen. Im Gegensatz zu seinen Schriften über die „Fortpflanzungsorgane“ und das „Sexualsystem“ der Pflanzen brachte ihm die von seinen Zeitgenossen als völlig absurd abgetane These des Pflanzenschlafes zumindest keine Verurteilung wegen „Unmoral“ ein. Denn wen sollte es schon interessieren, was Pflanzen nächtens tun?


„Noch vor zehn Jahren“, schreibt Stefano Mancuso in seiner Abhandlung über „Die Intelligenz der Pflanzen“ aus dem Jahr 2015, „dachte selbst die Wissenschaft, nur höher entwickelte Tiere würden schlafen. Bis der italienische Neurowissenschaftler Giulio Tononi den Gegenbeweis erbrachte: Im Jahr 2000 wies er nach, dass sogar ein einfaches Insekt wie die Fruchtfliege in einen wohlverdienten Schlaf fällt. Nur Pflanzen sollen also nicht schlafen? Die einzig plausible Erklärung dafür ist, dass schlafende Pflanzen nicht in das Bild passen, das wir uns vom Pflanzenreich machen.“


Um eben dieses Zerrbild geht es in Mancusos höchst empfehlenswertem Buch, in dem er dem Menschen, der vermeintlichen Krönung der Schöpfung, kurzerhand das Recht abspricht, sich für das höchstentwickelte Lebewesen zu erachten. Er erbringt auch zahlreiche Beweise dafür. Er schreibt etwa: „Das Pflanzenreich stellt sage und schreibe 99,5 Prozent der gesamten Biomasse auf der Erde; das heißt, wenn man das Gewicht aller Lebewesen auf der Erde mit 100 ansetzt, entfallen, je nach Annahme, zwischen 99,5 und 99,9 Prozent auf die Pflanzen. Anders gesagt, der Anteil tierischer Lebensformen – einschließlich des Menschen – beträgt verschwindende 0,1 bis 0,5 Prozent.“


Pflanzen sind eindeutig die erfolgreicheren Lebewesen und überaus raffinierte, zähe Organismen. Sie verfügen über zumindest 20 Sinne, sie treffen Entscheidungen, gehen Risiken ein, sind in der Gemeinschaft oft klüger als Einzelindividuen, weil sie sich untereinander verständigen und etwa gegenseitig vor Fressfeinden warnen. Mancuso behauptet sogar, sie würden miteinander „reden“, und zwar in unterschiedlichen Sprachen.


Tatsächlich ist die auf Aristoteles zurückgehende Klassifikation und Bewertung der Lebewesen, die den Pflanzen bis heute nur geringfügig mehr Respekt entgegenbringt als einem Felsen, ein großes Übel. Dabei leben wir nur in unterschiedlichen zeitlichen Maßstäben, und die Langsamkeit der Pflanzen und unsere Geschwindigkeit machen uns blind für das bewegte Pflanzenleben.


Mittlerweile geht es auf Sieben zu, die Nacht ist gegangen, der Tag gekommen und der Seidenbaum ist jetzt auch schon wach. „Wenn die Pflanzen morgen von der Erde verschwinden würden“, schreibt Mancuso, „wäre in wenigen Wochen, allerhöchstens Monaten alles menschliche Leben erloschen, und in kürzester Zeit gäbe es keine höher entwickelten tierischen Lebensformen mehr auf unserem Planeten. Würde der Mensch dagegen von der Erde verschwinden, hätten die Pflanzen in nur wenigen Jahren alles zurückerobert, was wir ihnen entrissen haben, und sämtliche Spuren menschlicher Zivilisation wären in kaum hundert Jahren überwuchert. Das sollte eigentlich genügen, um das biologische Kräfteverhältnis zwischen Pflanze und Mensch zurechtzurücken.“

Erschienen in der Presse