Wo Kerzen, da Falter

15.08.2012, gepostet von Ute,
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Die Gemeine Nachtkerze ist mitunter für allerlei vermeintlich halluzinogene Zustände zur Verantwortung zu ziehen, vor allem in den Dämmerstunden des Abends, wenn man dabei zuschauen kann, wie sie in erstaunlichem Zeitraffertempo ihre leuchtend gelben Blütenkelche öffnet. Doch ganz ruhig - es geht Ihnen und Ihren Augen gut, alles ist in bester Ordnung - und die kleinen Geschöpfe, die sich sogleich in zick-zackigem Schwebeflug auf die Blüten stürzen, um dort in der Luft stehend sekundenlang zu verharren, um daran zu naschen, sind keine Kolibris, sondern reizende Insekten mit dem nicht unattraktiven Namen Taubenschwänzchen.

Diese Nachtfalter aus der Familie der Schwärmer zählen zu den interessantesten Kreaturen der Wildnis. Wer sie in seinen Garten locken will, kann das unter anderem eben mit der Oenothera biennis tun. Noch lieber saugen die flinken Flirrer nur an Spinnenblumen, aber deren Saison ist bereits so gut wie vorbei, weshalb wir an dieser Stelle ohne Genierer die Nachtkerze missbrauchen, um uns sodann dem Falter zu widmen.

Schotterhalden und Gstätten

Also erst Theorie und Historie: Die im 17. Jahrhundert aus Nordamerika importierte Nachtkerze ist an Anspruchslosigkeit kaum zu überbieten, sie ist mittlerweile ausgewildert und wächst bevorzugt dort, wo sonst kaum etwas anderes gedeiht, auf Schotterhalden und Gstätten, und lässt sich so herrlich in übel trockenen Gartenzonen als greller Farbtupfer einsetzen.

Das zahlt sich aus, weil die zweijährige Staude vom Hochsommer bis zum Frost unermüdlich blüht. Die Blüten öffnen sich, wie erwähnt, in der Abenddämmerung und verblühen bis zum Morgen - ein sich wochen- und monatelang wiederholendes Schauspiel.

Vermehrt wird die Pflanze entweder durch Samen, von denen sie erstaunliche Massen bildet, oder man gräbt eine kleine Pflanze in ihrem ersten Jahr dort aus, wo man sie findet, und ein, wo man will. Achtung, Pfahlwurzel, also tief graben. Sie vermehren sich rasant, wenn ihnen der Standort gefällt, lassen sich aber ganz leicht ausrupfen, sobald es dann an Übertreibung grenzt.

Ausgeprägtes Erinnerungsvermögen

Doch jetzt endlich zu des Pudels Kern, zu der Kerze Falter, der beileibe keine Motte ist. Das Taubenschwänzchen, auch Kolibri- schwärmer genannt, erreicht eine Flügelspannweite von bis zu fünf Zentimetern, verfügt über einen bis zu drei Zentime-ter langen Saugrüssel und ist dank seines Stummelschwänzchens und des mas- sigen Leibes von unverwechselbarer Statur.

Alles an diesem Tier ist ungewöhnlich: Obwohl es sich um Nachtschwärmer handelt, sind Taubenschwänzchen auch tagsüber häufig anzutreffen. Sie sehen außergewöhnlich gut und verfügen über ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen. Einmal als appetitlich erkannte Weideplätze werden nicht vergessen und immer wieder aufgesucht. Als Wanderfalter legt das erstaunliche Tier bis zu 3000 Kilometer zurück, wofür es im Rekordfall bei Maximalgeschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern nicht länger als zwei Wochen braucht. In den Sommermonaten ist es hierzulande gewissermaßen zu Gast. Die Winter verbringt es in wärmeren Gefilden von Nordafrika bis Südostasien. Des Weiteren zählt es zu den ganz wenigen Insekten, die rückwärts fliegen können. Also: Demnächst Nachtkerzensamen streuen, um dieses Spektakel in den kommenden Jahren immer wieder live beobachten zu dürfen.

Erschienen in "Der Standard"

Taubenschwänzchen Foto ©HW