Willkommen im Kunnti Suiti-Club!

11.04.2013,
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Wie bereits im vergangenen Spätsommer in der Gartenkolumne der Presse angekündigt, wird es jetzt endlich ernst mit den Ratschlägen und auch mit den eigenen Aktionen: Ich will Sie als Verbündete gewinnen. Vielleicht machen Sie es wie ich: Ich werde alle Schmetterlingswirtspflanzen anbauen oder stehen lassen, derer ich habhaft werde. Ich werde alles was geht, für Schmetterlinge zu tun. Zum Beispiel, das üblich gewordene Abrasieren der Ackerraine mit großem Gerät zu verhindern. Wo früher Schlehen, Weißdorn und andere Hecken wuchsen, wächst jetzt gar nichts mehr. Ich finde, man sollte sich dafür einsetzen, dass die, wo immer geht, weiterwachsen dürfen.

 

Bevor wir alle nasse Augen kriegen, weil die Falter aussterben, müssen wir aktiv werden. Kein Gift im Garten lautet Regel Nummer Eins. Was sonst noch zu tun sein kann, folgt hier an dieser Stelle.

 

Schlehen und Weißdorn zählen beispielsweise zu den wichtigsten Wirtspflanzen des Segelfalters. Dieses Prachtstück von einem Insekt gilt in Vorarlberg bereits als ausgestorben, so wie bestimmte Bläulings-Arten in Wien. Der Schwalbenschwanz steht auch schon auf der Roten Liste, Trauermantel, Apollofalter, Großer Feuerfalter, Weißer Waldportier – wo sind sie alle geblieben? Die Hälfte der heimischen Tagfalter-Arten gilt als gefährdet, neun Prozent der europäischen Falter sind vom Aussterben bedroht. Angesichts solcher Tatsachen, die im Gegensatz zu den tagesaktuellen Verbrechen von Finanzindustrie oder Politik kaum Nachrichtenwert zu haben scheinen, überkommt mich ein großer Schmerz. Doch der nützt niemandem. Besser ist da schon der kurz darauf folgende noch größere Zorn: Kann es wirklich sein, dass wir alle miteinander in den wesentlichen Dingen des Lebens zu Kunnti Suitis degeneriert sind? Dass wir aufgehört haben, zu glauben, als einzelner könne man auch nur irgend etwas gegen die zur Zeit so verdrießlichen Entwicklungen dieser schönen Welt tun?

 

Neben den Buchsbäumen, die in altmodischer Manier meinen Gemüsegarten säumen, wuchs im vergangenen Jahr beispielsweise erstmals Fenchel. Der war prachtvoll, übermannshoch und blühte üppig. Das war für sich schon ein feiner Anblick, doch viel größere Freude bereiteten die gelb-grün-schwarz getüpfelten Schwalbenschwanzraupen, die auf ihm lebten. Der Schwalbenschwanz weidet gerne auf Fenchel, auf Dillkraut und auf Karottenlaub. Der Apollofalter liebt Fetthennen. Der Waldportier braucht, wie viele andere Falter-Arten, bestimmte Gräser.  

 

Deshalb an dieser Stelle gleich ein Hoch auf all jene, die zumindest ein paar Quadratmeter Wiese statt Rasen in ihren Gärten stehen lassen. Wiesen sind phantastisch und machen weniger Arbeit als Rasen!

 

Es gibt eine berühmte TV-Szene, die zeigt den bereits betagten Konrad Lorenz in der Frühlingssonne in seinem Garten sitzend. Er wird eben interviewt. Die Natur rundum steht noch in den Startlöchern, der Schnee des letzten Winters ist offensichtlich eben erst geschmolzen. Da unterbricht der Verhaltensforscher plötzlich mitten im Satz das Gespräch und deutet in die Luft, wo ein gelber Schmetterling vorbeifliegt.

„Ein Zitronenfalter!“ sagt er erfreut: „Der erste, den ich heuer sehe.“

 

Glücklich, wer einen dieser schönen gelben Falter heute noch zu Gesicht bekommt. Er ist selten geworden, der Zitronenfalter. Er bleibt jedoch der allererste Schmetterling, der schon an sonnigen Februartagen ausfliegt. Oft liegt dann noch Schnee. Der Zitronenfalter ist der einzige mitteleuropäische Schmetterling, der als erwachsenes Tier im Freien ohne Schutz überwintert. Bis zu minus 20 Grad hält der dank seiner Gabe, Frostschutzmittel zu bilden, aus. Er verharrt unter Schnee und Eis, und sobald die Sonne seine Flügel wärmt, fliegt er wieder. Er wird bis zu einem Jahr alt, was ebenfalls mitteleuropäischer Schmetterlingsrekord ist.

 

Warum die Falter selten geworden sind, liegt unter anderem an der exquisiten Futterwahl ihrer Raupen. Die fressen ausschließlich die Blätter von Kreuzdorngewächsen wie Purgierstrauch und Faulbaum. Überall, wo die Gärten nur noch von Thujenhecken und anderen nicht heimischen Sträuchern wie eben diesen strotzen, wird man niemals in den Genuss zitronengelben Gaukelns kommen. Die Futterpflanzen von erwachsenen Schmetterlingen sind das eine, doch die Futterpflanzen der Raupen sind das andere, wesentliche Element, das man in seinen Garten holen muss, will man Schmetterlinge sehen.

Es ist bekannt, dass beispielsweise die Brennnessel eine wichtige Kinderstube für Tagpfauenauge, Distelfalter, kleinen Fuchs, Admiral und noch einige andere Schmetterlinge ist. Doch dass die prächtigen orange-glänzenden Kaisermäntel und die etwas kleineren, zum Verwechseln ähnlichen Perlmutterfalter auf Brombeerstauden angewiesen sind, weiß man gewöhnlich schon wieder nicht. Einen ebenfalls seltenen Falter, den dunkelbraugrauen, weiß gesäumten Kleinen Eisvogel zu beobachten, muss auch mittlerweile als kleine Sensation gefeiert werden. Seine Raupen leben auf Geißblättern.

 

Die richtigen Pflanzen, kein Gift, keine übertriebene Säuberlichkeit im Garten: Setzen Sie Pflanzen sowohl für Raupen als auch ausgewachsene Falter und Schwärmer: Zahllose Schmetterlinge werden es Ihnen danken.

Sauerampfer: Dukatenfalter, Feuerfalter

Fetthenne/Sedum: Apollofalter

Brennnessel: Tagpfauenauge, Distelfalter, Kleiner Fuchs, Admiral, Landkärtchen

Doldenblütler: Schwalbenschwanz

Disteln: Distelfalter, Admiral

Flockenblume, Habichtskraut: Scheckenfalter

Geißblatt: Kleiner Eisvogel

Ginster: Bläulinge

Hopfen: Tagpfauenauge

Phlox: Aurorafalter

Weide: Schillerfalter, Trauermantel, Großer Fuchs

Kleearten, Luzerne: Waldbläuling. Senfweissling, Postillion, Heufalter

Kreuzblütler (Senf, Kresse, Raps): Weisslinge, Resedafalter, Aurorafalter

Brombeeren, Himbeeren: Kaisermantel, Perlmutterfalter, Brombeerzipfelfalter

Thymian: Bläulinge

Wicke: Heufalter

Natterkopf: Distelfalter

Weißdorn: Segelfalter, Baumweißling

Faulbaum: Zitronenfalter

Veilchen: Kaisermantel, Perlmutterfalter

Wegerich: Scheckenfalter, Kleiner Maivogel, Feuerfalter

Gräser: verschiedenste Augen- und Dickkopffalter

 

Über die ökologische Bedeutung der Schmetterlinge muss man sich  nicht verbreitern, die ist ohnehin bekannt. Zur Auflockerung lieber eine kleine Geschichte über ihre Schönheit und über den wohl bekanntesten Schmetterlingsforscher der Literatur: Als Vladimir Nabokov schon sehr alt war und wusste, dass er von diesem Bette, auf welchem er lag, wohl nicht mehr würde aufstehen, bekam er Besuch von seinem Sohn. Der erinnert sich daran, dass der Vater plötzlich nasse Augen hatte. Es war die Flugzeit einer bestimmten Falterart angebrochen, und der Schriftsteller und Lepidopterologe wusste, dass er nie wieder ausziehen und diesem schönen Falter nachstellen würde.