Willkommen im Dschungel

16.12.2017,
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Habt ihr Lust auf etwas Verrücktes? fragt Vanessa, die Schulfreundin aus längst vergangenen Tagen. Ja, sagen wir sofort, denn wir befinden wir uns in Brasilien, wo schon das Normale verrückt ist, und es gelüstet uns nach noch mehr Extrema. Wir verlassen also die sogenannte schönste Stadt der Welt, die mittlerweile auch eine der größten und gefährlichsten geworden ist, fahren an Zuckerhut und Corcovado vorbei, queren die Guanabara Bucht und schauen noch einmal zurück auf das unvergleichliche Miteinander von Bergen, Häusern und Tropenwald, das den städtebaulichen Charme Rio de Janeiros ausmacht.

 

Fast überall leckt hier der Dschungel in die Stadt herab. Granitfelsen und geschwungene Buchten bilden die Grenzen des Bebaubaren, so dass die Reste des Regenwaldes sozusagen einen natürlichen Schutz genießen - zumindest an den besonders steilen Hängen, an denen sich nicht einmal mehr die informellen Siedlungen der Favelas festklammern können.


Der Dschungel schickt regelmäßig seine ursprünglichen Bewohner hinab auf die Terrassen und Balkone, und wo Blumen ihre Kelche öffnen, schwirren neben schwarzen Bienen, Nachtfaltern und anderen Insekten auch Kolibris durch die Lüfte. Doch im Vergleich zu jenen Zeiten vor Jahrzehnten, als wir hier die Schulbank drückten, sind die animalischen Gäste in den Häuserschluchten deutlich seltener geworden.

 

Nicht zuletzt deshalb begeben wir uns auf den Weg in ein anderes Extrem, und zwar in eine Gegend, in der der Mensch ex lege zurückzutreten und sich zurückzunehmen hat: in den größten Nationalpark des Bundesstaates Rio de Janeiro, drei Autostunden entfernt in den Bergen gelegen. Wir fahren in den Regenwald und damit auch in das Reich der Baumfarne.


Die stellen eine der faszinierendsten Pflanzengruppen des Globus dar. Sie bedeckten bereits die Erdoberfläche, als es noch nicht einmal Dinosaurier gab. Gelegentlich findet man die baumhohen Giganten unter den Farnen auch hierzulande um teures Geld im Blumenhandel. Doch jedes Mal, wenn ich einem von ihnen unter Glas begegne, tut mir das Herz weh.


Da steht er dann allein herum, der große Farn, in viel zu trockener Luft, in der er kaum Überlebenschancen hat. Irgendjemand wird ihn kaufen, zuhause aufstellen, erst bewundern und dann fast unweigerlich über die kommenden Wochen dabei zuschauen müssen, wie er der Reihe nach seine prachtvollen Farnwedel streckt und dahingeht.


Hier in seinem natürlichen Habitat beginnt man zu verstehen, warum. 1000 Meter über Meeresniveau liegt der Dschungel in warmen Nebel gebadet. Es tropft von den Blättern riesiger Bäume auf die dazwischen wuchernden Farne herab. Niemals werden sie durstig, stets sind die Farnwedel von einem milden Feuchtigkeitshauch umhüllt.

 

Der unberührte Wald des Naturparks wächst so dicht, wie man sich das von einem echten Dschungel erwartet. An den Wegrändern gedeihen unzählige der Exoten, die von den Pflanzenjägern vergangener Epochen nach Europa verschifft wurden, und die wir in unseren Zimmergärten so sorgsam pflegen. Bromelien, Helikonien, die wie Papageienschnäbel aussehen, Begonien in vielen Blattfarben, Porzellanrosen, Orchideen, Frauenhaarfarne. Brasilien ist das artenreichste Land der Erde. Der Weihnachtskaktus, dieser Tage an den Fensterbänken in voller Blüte, stammt genauso aus diesen Wäldern wie Gummibaum, Araukarie und viele andere Pflanzen mehr.


Wir quartieren uns in einem Haus ein, das schon mitten im Wald stand, als er noch nicht geschützt war. Ein Dutzend Kilometer von der nächsten befestigten Straße entfernt sind wir mit der Natur, den Insekten, den Geräuschen unbekannter Tiere völlig allein. Wartet bis es Nacht wird, sagt Vanessa, dann beginnt das Konzert. Sie hat vollkommen recht.

 

So weit abseits jeglicher Zivilisation, fern von Lichtverschmutzung, Pestiziden und anderen menschlichen Eingriffen umhüllt uns die Schwärze der Nacht bis zum späten Mondaufgang wie warmer, weicher Samt. Sobald es ganz dunkel ist, schmückt das funkelnde Juwelenleuchten hunderter Glühwürmchen die schwarze Robe der Nacht. Zikaden und andere Insekten, Nachtvögel und unbekanntes Getier – der Dschungel erwacht in der Finsternis erst so richtig, alles lärmt, zirpt, singt, schreit durcheinander.


Das unsichtbare wilde Leben da draußen macht Zivilisationsgeschöpfe wie uns Europäer beklommen. Nicht, weil wir uns vor Jaguar, Puma oder Wildschwein fürchten, sondern weil uns das Dschungelkonzert daran erinnert, wie arm an Wildem wir selbst geworden sind.


Einer der außerhalb des Parks mittlerweile bedrohen Vögel hier heiß Araponga. Er kann sehr laut schreien. In Käfiggefangenschaft geraten pflegt er dem Betrachter wie aus Trotz den Rücken zuzukehren. Nur manchmal dreht er sich dann blitzschnell um und schmettert dem geschockten Menschen auf der anderen Seite der Stäbe seinen metallisch-knallartigen Schrei entgegen. Ich verstehe ihn vollkommen.