Wasser für die Durstigen

10.09.2016,
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Das heuer im April angekündigte Experiment, besonders durstige Kübelpflanzen mittels Zugabe eines sogenannten „Superabsorbers“ dauerhaft mit feuchtespeicherndem Substrat zu versorgen, kann als höchst geglückt bezeichnet werden. Viel weniger häufiges Gießen und niemals durstig hängende Pflanzen waren das erfreuliche Resultat.


Zur Erinnerung: Der Superabsorber ist ein ungiftiges Granulat mit extremer Wasserspeicherkraft, das in kleinen Mengen seit Langem etwa in Windeln zum Einsatz kommt und Babypöpsche dank seiner Auftunkwirkung trocken hält. In geringen Mengen der Erde beigemischt kann es diese über längere Zeit schön feucht halten. Bei Interesse sind die technischen und von Wissenschaftlern erforschten Details dazu sond HIER nachzulesen.


Insbesondere Pflanzen, die ein Austrocknen gar nicht vertragen – und zwar nicht ein einziges nachlässiges Mal - wie beispielsweise Farne, Ligularien, Hortensien und Engelstrompeten, kamen in den Genuss, quasi als botanische Versuchskaninchen herhalten zu dürfen. Sie alle wurden in das mit dem Granulat angereicherte Substrat gebettet. Die Vorgangsweise war simpel und funktioniert auch auf jedem Balkon: Superabsorbergranulat besorgen, ein paar Esslöffel davon in einen Kübel rieseln lassen, mit Wasser füllen, umrühren und etwa eine Viertelstunde warten, bis das erst weiße, trockene Granulat das Wasser völlig aufgesogen hat und zu einem Gelee geworden ist.


Anschließend wird diese puddingartige Wassersubstanz sorgfältig unter die Erde gemischt. Das Verhältnis von fünf gehäuften Esslöffeln Granulat, vollständig wassergesättigt, auf einen 80-Liter-Sack Erde, natürlich ohne Torf, beziehungsweise das mengenmäßig entsprechende Pendent aus dem eigenen Kompostgarten, hat sich bewährt. Der Landmensch vermischt die Angelegenheit praktischerweise in der ohnehin irgendwo herumstehenden Mischmaschine. Balkongärtner hingegen besorgen sich eine geräumige Maurerwanne aus der Bauabteilung, krempeln die Ärmel auf und mischen alles mit Hilfe ihrer Körperkraft, was auch kein Problem darstellt, nur etwas länger dauert.


Jede einzelne Pflanze hat von dem besser und länger durchfeuchteten Erdreich klar profitiert. Das Gießen reduzierte sich auf ein erstaunliches Minimum. Auch abwesenheitsbedingte Phasen nachlässiger Betreuung, die ansonsten mit hängenden Köpfen und fallenden Blättern abgestraft werden, wurden problemlos überstanden.


Auch der Versuch, eher große Pflanzen in kleinere Töpfe als eigentlich erforderlich zu setzen, dafür aber das fehlende Volumen mittels Absorberzugabe auszugleichen, funktionierte recht gut und dürfte von Balkongärtnern begrüßt werden. Der Einsatz lohnt sich selbstverständlich nur bei chronischen Säufern des Pflanzenreichs. Vor allem die Hortensien waren nie schöner als heuer. Sie stehen in Töpfen unter Dach, das in Raum stehende Argument, die großen Niederschlagsmengen dieses Sommers wären für ihr Gedeihen verantwortlich, gilt also nicht.


Von einem Flop ist jedoch zu berichten: Der launige Versuch, den ewig durstigen, keinen einzigen Moment der Trockenheit verzeihenden Frauenhaarfarn, diese hoffnungslose Liebe meines Zimmergärtnerinnenlebens, im hübschen Glasgefäß in reines Superabsorbergelee samt Hydro-Dünger zu betten, misslang sofort. Im Wasserbad gedieh er prächtig. Im Gelee verstarb er binnen einer Woche. Unergründlich und spannend bleibt das Gärtnerdasein.

Erschienen in der Presse

Superabsorber

Superabsorber sind schwach vernetzte, unlösliche Polymere, die in der Lage sind, ein Vielfaches ihres Gewichts an Wasser oder wässriger Lösung aufzunehmen. Für Chemie-Freaks ist das ein Copolymer aus Acrylsäure (Propensäure H2C=CH-COOH) und Natriumacrylat (H2C=CH-COONa). Alles klar?


Das Granulat besteht also hauptsächlich aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Nach ein paar Jahren im Boden zerfallen die Moleküle, doch was genau damit passiert, versuchen die Leute von der Justus-Liebig-Universitätherauszufinden. Bisher konnten keine negativen Effekte auf Boden und Bodenleben festgestellt werden, dafür zeigten Feldversuche in trockenen Regionen, etwa in Ägypten, aufgrund des besseren Feuchteangebots sehr deutliche Ertragssteigerungen aller Gemüse, die in Böden wuchsen, denen das Granulat in geringen Mengen beigesetzt worden war.


Zitat aus einer Schrift der Uni: „Wenn auch der Einsatz dieser Bodenhilfsstoffe noch bei weitem nicht verbreitet ist, so versprechen sie für die Zukunft doch ein enormes Einsatzpotenzial, da in vielen Gegenden der Erde Wasser oftmals die begrenzte Ressource ist.“ 


Und weiter: "Da es sich bei den Hauptbestandteilen der Superabsorber neben Kohlenstoff um Wasserstoff und Sauerstoff handelt, werden bei der Zersetzung Wasser und Kohlendioxid freigesetzt. Kohlendioxid entsteht dabei über die Atmung (Respiration) der am Abbau beteiligten mikrobiellen Organismen, die den im Superabsorber enthaltenen Kohlenstoff als Nahrungsquelle nutzen.“

Etwa ein gehäufter Esslöffel Granulat kommt in einen Liter Wasser. Nach zehn Minuten ist die Flüssigkeit fast völlig aufgenommen. Wer dieses Gel-Zeug unter die Erde mischt, muss sich nicht fürchten. Wie oben bereits erwähnt zersetzt sich die Substanz im Laufe der Jahre in ihre Bestandteile, und die sind harmlos.

 

Der Superabsorber ist jedenfalls harmloser als der stillschweigend hingenommene und von den meisten Erde-Käuferinnen und Käufern mitunterstützte Raubbau an den letzten Mooren, denen man den Torf entreißt, um Blumen in ihren Töpfen und Rabatten schön feucht zu halten.