Von wegen nur mit Gurke

01.05.2014,
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Das Blau. Es ist wahrscheinlich dieses Frühlingshimmelblau der vielen Sternchenblüten, das diese Pflanze so reizend macht. Schauen Sie sich das Prachtstück an: Wollen Sie nicht auch sofort so eines in Ihrem Küchengarten zum Zwecke genüsslicher Betrachtung haben? Garantiertes Himmelblau in verschwenderischen Mengen, bei jedem Wetter, von Juni bis tief in den Herbst hinein. Der Borretsch hat in meinem Garten sein Heimspiel, er darf hier - fast - alles. Er nutzt das auch mit einer verblüffenden Impertinenz aus, als vitaler Selbstausstreuer besiedelt und erobert er in jeder Saison weitere ausgedehnte Areale. Er wuchert zwischen Steinplatten, in Blumenrabatten und an den unmöglichsten Stellen mitten im Gemüsegarten neben Gurken, Tomaten, Kohlrabi sowieso.

 

Manchmal ertappe ich mich erst nach ein paar Wochen kopfschüttelnd dabei, dass ich einen der Hauptdurchzugspfade meines Gartens nur noch in akrobatischen Verrenkungen oder hüpfend passieren kann: Weil dort nämlich mitten auf dem Weg eine immer größer werdende Borretschstaude ihre blauen Sternlein gen Himmel reckt, die auszureißen ich nicht das Herz hatte. Ein bisschen irre, nicht wahr? Der Borretsch wächst so kräftig und unverdrossen vor sich hin, dass man ihn niemals aufessen kann. Wir haben das im Freundeskreis versucht, und zwar mit der britischen Methode: Eines wundervollen Nachmittages fanden wir uns in der üblichen Runde bei jenem unserer Freunde ein, der das Kochen am Meisterhaftesten beherrscht. Er servierte uns in  bauchigen Gläschen eine kühle klare Flüssigkeit. Die darin einzeln versenkten Borretschblüten wurden durch diese Linse vergrößert zu prächtig stacheligen Gebilden, die man immer wieder gerne anblickte.

 

Gin und Borretsch vertragen sich vorzüglich, kann ich Ihnen sagen. Dieses Gurkige der Pflanze und das Aroma des Gin kommen so vortrefflich miteinander aus, dass es sich die Briten zur Angewohnheit gemacht haben, jegliche Gin-Mix-Getränke mit Borretsch zu garnieren, wenn sie ihn gerade zur Hand haben. Verspieltere Naturen produzieren Borretschblüteneiswürfel, was geschmacklich weniger schwer wiegt als optisch. Apropos: Werfen sie die blauen Sterne auch als dekoratives Element über Suppen und Salate, und schnippseln Sie die Borretschblätter als Geschmacksunterstützer in den Gurkensalat. Immerhin trägt er als Zweitnamen "Gurkenkraut".

Borretschessig

Die einfachste Art, das Aroma des Borretsch einzufangen, zu konservieren und beispielsweise dem Gurkensalat zugutekommen zu lassen: Stecken Sie in einen milden Essig Ihrer Wahl zwei, drei Stängel Borretsch mit allem drum und dran. Beobachten Sie die interessanten chemischen Effekte, wenn das Blau der Blüte durch die Einwirkung der Säure in ein intensives Rosa kippt. Entfernen Sie die Krautzugabe nach zwei, drei Wochen wieder. Diese Parfümierung ist sehr stark und hält bis in den nächsten Sommer.

Borretsch britisch

Unter Umständen war der Brite James Pimm der erste, der die Kombination von Gin und Borretsch im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig machte. Der Besitzer der Londoner Oyster Bar kreierte um 1820 einen berühmten Gin-Drink, zu dessen wichtigsten Zutaten Borretsch zählte. Die Spirituose wird heute noch unter dem Namen Pimm's verkauft. Unsereiner nippt an besagten Gin-Blütengläschen und versucht den Gin Tonic einmal mit Gurkenkraut verfeinert.