Vagabundenparfum

14.01.2017,
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„Während ich durch die Gärten des Gedächtnisses spaziere, stelle ich fest, dass meine Erinnerungen an die Sinne geknüpft sind“, schrieb die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende in ihrem vor zwei Jahrzehnten erschienenen, zeitlosen Koch-Lesebuch „Aphrodite – Eine Feier der Sinne“.


Sie zelebriert darin aphrodisische Genüsse aller Art, gewürzt mit der Süße reifer Mangos, mit Honig und dem Duft von Nelken und Lotosblumen – und mit den vielen Spielarten der Liebe, wovon eine, und nicht die unwesentlichste, die Freundschaft ist.


Die Gärten des Gedächtnisses liegen vor uns wie ein weiter Kontinent – einer, der nur von uns allein beschritten werden kann. Sie duften nach vielem, und hinter jeder Weggabelung liegt eine andere Erinnerung bereit. Sie riechen zum Beispiel nach dem Rosengarten der Oma und nach ihrem Zimtgebäck. Nach der Zwetschkenmaische des Großvaters und dem Firnisgeruch seiner Malerwerkstatt. Nach frischen Walderdbeeren, nach denen man mit den Freunden an geheim gehaltener Stelle alljährlich Ausschau hielt, und nach dem Aroma der Holzfeuer, die man mit dem schmerzlich vermissten, verstorbenen Freund knisternd selbst an eisigen Winterabenden im Freien zu heizen pflegte.


Einer dieser Pfade durch den eigenen Garten des Gedächtnisses führt weit fort von hier und tief hinein in die Vergangenheit, doch bleibt er nah, denn man trägt ihn ja stets mit sich herum. Dort duftet es nach Sandelholz und Patchouli und nach einer Freundschaft, die ein lebenslanges Bündnis schloss, obwohl eine von uns beiden seit Jahrzehnten tot ist.


Beide Düfte sind unverfälscht und rein und stammen von zwei Pflanzen, aus denen seit ewigen Zeiten die aromatischen Duftöle destilliert werden. Der Sandelholzbaum ist ein tropischer Gigant, er wächst bis zu 20 Meter hoch. Patchouli hingegen ist ein zierlicher Strauch, der höchstens einen Meter hoch wird. Den Baum kann man in unseren viel zu kalten Breiten natürlich nicht kultivieren, den Strauch hingegen schon, und zwar als Kübelpflanze, die sommers draußen, winters in der Wohnung gedeiht.


Er duftet wunderbar. Streicht man über die großen, sattgrünen Blätter, riechen Hände und Umgebung nach dem, was besagte Freundin auf der anderen Seite des Atlantik, wo sie geboren und ich für einige Jahre zuhause war, damals verschwörerisch „Vagabundenparfum“ genannt hatte. Die beiden Düfte, die sie mir schenkte, waren jeweils in kleine Glasphiolen gesperrt. Das Patchouli-Öl war dunkelbraun und zähflüssig. Der Sandelduft hingegen war glasklar.


In dem Glasfläschchen befanden sich neben der Duftessenz auch die bizarr verschlungenen Haarwurzeln eines Sandelholzbaumes. Denn nur die unterirdischen Teile und das Kernholz, sozusagen das Herz des asiatischen Baumes, duften tatsächlich. Wenn ein kleiner Sandelholzbaum aus einem Samen wächst, suchen seine Wurzeln sofort nach den Wurzelstöcken benachbarter Bäume, Sträucher und Gräser. Dort docken sie an und verbinden sich mit den anderen Organismen. In den ersten sieben Jahren seines Lebens ist das Bäumchen auf die Hilfe seiner Nachbargewächse angewiesen. Erst später ist es dazu in der Lage, sich allein zu ernähren.


Das wusste ich als Zwölfjährige natürlich noch nicht. Doch bewusst war mir, damals wie heute, dass mich auch diese Freundschaft mit wesentlichen Nährstoffen versorgte, letztlich mit solchen, die für mein gesamtes Leben ausschlaggebend bleiben sollten. Denn die damals schon kranke Freundin lehrte ihre Umgebung das Wesentliche, nämlich alles als ein einziges, großartiges Geschenk und Wunder zu betrachten. In den Wochen, in denen es ihr gut ging, brachte sie mir zum Beispiel bei, dass es viel schöner war, barfuß durch den warmen Tropenregen zu laufen und dabei zu singen, als sich irgendwo unterzustellen.


Wer zwischen Leben und Tod pendelt, pfeift auf Konventionen und verschwendet seine Zeit nicht mit Unwesentlichem. Alles hinterfragen, nichts für gegeben halten, jeden Moment auskosten, sich an scheinbaren Selbstverständlichkeiten erfreuen, für den Wimpernschlag der Geschichte, in dem man auf dem schönen Erdenrund wandeln darf, ganz man selbst zu sein, ohne Zagen und ohne Angst vor der Meinung anderer – das lernte ich von Susi Römer, die wenige Jahre später starb.


„Mich reuen die Schlankheitsdiäten, mich jammern die köstlichen Gerichte, die ich aus Eitelkeit zurückwies, und ebenso leid tut es mir um die Gelegenheiten zur Liebe, die ich vorübergehen ließ“, schreibt Isabell Allende. Sucht euer Vagabundenparfum. Tragt es. Auf der Haut, im Herzen, egal wo. Aber findet es, es duftet köstlich.

Erschienen in der Presse