Tee, Honig. Vielleicht auch Geistigeres?

01.08.2012,
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Die Cheyenne, so ist überliefert, tranken Tee vom Anis Ysop, um ein „entmutigtes Herz“ wieder aufzurichten. Das ist ein schönes Bild. Es passt alles zusammen: Die große Pflanze. Die weiten Prärien Nordamerikas. Die Menschen, die sie bewohnten und mit den Pflanzen, die sie umgaben, in Einklang lebten. Denn der Tee des Anis Ysop ist tatsächlich eine Besonderheit. Er schmeckt auf seltsame Weise süß, auch wenn man ihm keinen Honig oder Zucker beigemengt hat. Die gesamt Pflanze ist eine ausgeprägte Persönlichkeit, nicht nur, weil sie fast mannshoch und dominant ist. Sie steht wochenlang in schwelgerischer Blüte. Die Dimension der Blütendolden ist ebenfalls beeindruckend. Bis zu zehn, zwölf Zentimeter lang wachsen die dichten lila Blütenkerzen empor. Sie ziehen Bienen und Schmetterlinge an wie kaum andere Nektarquellen, und auch wenn sie abgeschnitten und getrocknet werden, verlieren sie ihre Lavendelfarbe nicht.

 

Die indigenen Völker Nordamerikas verwendeten den Anis Ysop, der im Übrigen weder mit dem Anis noch mit dem Ysop verwandt ist, als Heil- und als Würzkraut. In ersterem Fall linderte er Husten und Fieber, in zweiterem begleitete er Braten und verfeinerte Saucen.  Da er auch getrocknet erstaunlich wenig Aroma verliert, wurde er gerne in diversen Räucherwerken verwendet, was man unbedingt ausprobieren sollte, wenn man dazu aufgelegt ist und sich zum Beispiel an einem klaren Abend unter den Sternen im Freien befindet.

 

Im Garten braucht der stattliche Anis Ysop einen eher trockenen Standort. Er ist mehrjährig, wird nicht sehr alt, sät sich jedoch kräftig selbst aus und siedelt sich genau dort an, wo es ihm besonders gut gefällt. Er gehört zu jenen eigenwilligen Pflanzen, deren Samen gerne von den Ameisen vertragen werden, und die dann in den Folgejahren an den überraschendsten Stellen plötzlich keimen, zu stattlichen Pflanzen heranwachsen, Blüten treiben, prächtig sind und allein durch ihren Anblick unsere möglicherweise gerade vorübergehend entmutigt gewesenen Herzen aufrichten.