Tänzchen mit dem Nebel

19.11.2016,
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"Die längste Zeit war dieser Garten hier im Winter nur der halbe Spaß gewesen, weil es diese Gräser noch nicht gab. So fesch er ab Frühling wucherte und gedieh, ab dem Frost war er zwar nicht ganz, aber doch ziemlich kahl und eigentlich monatelang eine optische Niederlage. Doch dann kam, zufälligerweise, ein Pennisetum daher, ein Lampenputzergras. Eigentlich waren es zwei von ihnen, zwischendurch in der Hitze der Saison irgendwann im Vorübergehen erworben, nachlässig am oberen Gartenende, wo halt noch Platz war, eingebuddelt, über die Sommermonate missachtet und vergessen.


Dann kam der Herbst, und die zwei Gräser aperten sozusagen aus der Masse der sie rundherum umgebenden, nun aber einziehenden Stauden heraus. Sie waren ganz überwuchert gewesen von Kaukasischem Gamander, knapp meterhohen weiß-blau blühenden Storchschnäbeln und mannshohen Anisysop-Pflanzen. Erst der Herbst brachte sie wieder ans nebeldämmrige Tageslicht, und es war eine Freude, sie anzuschauen.


Dicke flauschige Lampenputzer-Blütenbüschel nickten nach allen Richtungen. Nebeltröpfchen fingen sich darin. Wenn es fror, erstarrten die Gräser zu silbrigen Eisskulpturen. Sie verloren den gesamten Winter über ihre Struktur nicht. Eigentlich waren sie im Staudenbeet der einzig vernünftige Anblick, und sie gaben definitiv den Ausschlag für die Anschaffung vieler weiterer Gräser, die zwischenzeitlich in diesem Garten heimisch wurden.


Reitgras, Calamagrostis, Chinaschilf, Miscanthus, Pampasgras, Cortaderia und Federgras, Stipa beispielsweise in den unterschiedlichsten Sorten, in denen diese schönen Ziergräser jeweils zu haben sind. Sie alle gehören zur beeindruckenden Familie der Süßgräser, ohne die der Planet Erde ein anderer wäre.

 

Ohne Süßgräser gäbe keine nordamerikanische Prärie, keine afrikanische Savanne, keine mitteleuropäische Wiese. Die Menschheit hätte kein Getreide, an Bach- und Seeufer wüchse kein Schilf, es gäbe keinen Bambushain und natürlich auch keinen Rasen."