Steinlotus an der Supermarktkassa

05.11.2016,
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Die Schleuse kurz vor der Supermarktkassa ist die letzte Bastion der Verführung der Kundschaft, und dem entsprechend türmt sich hier der Kram links und rechts noch einmal möglichst hoch. Kaugummis und Schokoriegel, Schnapsfläschchen, Schaumrollen im Sonderangebot, Plastikspielzeug, Limonaden. Sie kennen das.


Gelegentlich zieht etwas inmitten dieser zeitgenössischen Konsumidylle den Blick auf sich, das im synthetischen Gleichklang so rührend deplatziert wirkt, dass es heraussticht: Lebendige Kreaturen in Form von Pflanzen. Gemeint sind nicht die üblichen Orchideen und Zimmerfarne, die gerne auf den ihnen zugewiesenen Tischen weiter hinter der Kassa stehen. Die Rede ist vielmehr von pflanzlichen Miniaturen, die hin und wieder noch vor dem Warentransportband in der prominenteren Zone der Krapfen-Sonderangebote landen. Ihr Anblick hat etwas von tiefer Einsamkeit und kann einem das Herz brechen.


Meistens handelt es sich um Angehörige der zähen Familie der Dickblattgewächse. Denn ihnen kann man viel antun, und sie schauen immer noch gut aus. Auch wochenlanges Dursten sieht man ihnen nicht an. Mitunter sind die kleinen Pflanzen mit Lack übersprüht, als ob sie von Natur aus ganz irre Farben trügen. Häufig setzt man ihnen je nach Saison mit absurd kitschigen Verzierungen zu, sodass sie wirken wie von Natur aus schöne Kinder, die mit zu viel Schminke zu kleinen Schönheitsköniginnen verschandelt werden. Oft stecken ihre Töpfe in hübschen Übertöpfchen, die sinnlos, weil viel zu klein sind.


Einige meiner seltsamsten Pflanzen verdanke ich solchen Momenten des Mitleids mit gequälten Miniaturen. Oft wachsen sie sich zu den interessantesten Gewächsen aus. Eines von ihnen wird demnächst blühen, und das erfüllt mich mit freudiger Aufregung. Denn allein schon die Art und Weise, wie sich diese Blüte ankündigt, ist außergewöhnlich. Zudem soll die Blume eben dieser Pflanze eine ganz besonders schöne sein.


Ich fand das Gewächs vor etwa zwei Jahren in einem Supermarkt vor der Kassa, wo es im Angebot stand wie Lutschbonbons oder Einwegrasierer für Damenbeine. Wahrscheinlich stammte die Pflanze aus einer dieser gewaltigen Gärtnereien, wo man heutzutage Setzlinge zu hunderttausenden am Fließband vermehrt. Sie steckte jedenfalls in einem Topf, dessen Durchmesser nicht einmal fünf Zentimeter betrug und sah aus wie ein winziger Igel. Die ganze Pflanze bestand aus einer einzigen kugeligen Rosette, gebildet aus fleischigen sukkulenten und sehr dunklen, fast schwarzen Blättern. Wunderschön.


Als ich sie samt Wochenendeinkauf aus der Gefahrenzone hinausmanövriert hatte und in Sicherheit gebracht glaubte, topfte ich sie sofort um. Dabei zerbröselte mir die winzige Schönheit unerwartet fast ganz unter den Fingern, und die kompakt wirkende Rosette verlor viele ihrer stacheligen runden Walzenblättchen. Übrig blieben ein paar sperrige Haufen, die ich jeweils in Bonsaischalen pflanzte, denn die schienen mir am geeignetsten. Was für eine Niederlage für alle Beteiligten.

 

Doch nur Geduld. Nicht durch Aufschlagen, sondern durch Ausbrüten wird aus dem Ei ein Küken, sagt man in China, und von dort stammte das Gewächs auch, wie ich schließlich durch einige Recherche in Erfahrung bringen konnte. Es handelte sich um eine Sinocrassula yunnanensis, ein Yunnan-Chinadickblatt. Was für ein hässlicher Name für eine so mysteriöse kleine Pflanze. Chinadickblatt, das klingt nach gutbürgerlichem Haushalt samt Abstauben am Samstagnachmittag und nach Blattglanzpolitur.


Doch irgendwo fand ich auch den echten chinesischen Namen. Den entzifferten mir dankenswerterweise die beiden des Chinesischen Kundigen Suhsi und Jürgen K., und plötzlich bekam das kleine Dickblattgewächs von der Supermarktkasse eine weitere Aura des mysteriös-Schönen. Denn die wortwörtliche Übersetzung der chinesischen Bezeichnung dieser Pflanze lautet folgendermaßen: Steinlotus aus der Provinz südlich der Wolken. Schöner geht’s eigentlich gar nicht mehr.


Wenn Sie jemals in die Verlegenheit kommen einen Steinlotus aus der Provinz südlich der Wolken umtopfen zu müssen, verzweifeln Sie nicht. Er wird ziemlich ramponiert aus der Prozedur hervorgehen, doch jedes Teilchen wird wieder anwachsen, wird wieder zur Rosette werden und weitere Rosetten werden rundherum folgen.


Und wenn Sie Glück haben, wird plötzlich ein besonders dickes Blatt zwischen all den anderen auftauchen und über viele Wochen hinweg anschwellen, denn tatsächlich ist es die Knospe besagter sagenumwitterter Blüte, auf die ich nun freudig erregt warte. So kann es also gehen an der Supermarktkassa. Steinlotus oder Damenbeinrasierer, das ist hier, nicht oft, aber mitunter, die Frage.

Erschienen in der Presse