Steckhölzer und Freihandelsabkommen

23.10.2016,
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Welche Berechtigung, diese Frage darf man sich stellen, haben Betrachtungen über scheinbare Nebensächlichkeiten wie den Garten, den allgemeinen Umgang mit der Natur, während sich die Welt ächzend um ihre eigene Achse und der Menschen Sorge sich um ganz andere, gewichtige Dinge dreht.

Es fällt nicht schwer, ein paar von ihnen aufzuzählen. Kriege ohne Ende. Dazu jede Menge ungemütliche Nebenschauplätze. Scheinbare Fixsterne wie die Deutsche Bank beginnen gefährlich zu flackern. Die Wirtschaft der 510 Millionen Einwohner schwachen EU ist angeblich gefährdet, wenn das Handelsabkommen mit dem 36 Millionen Einwohner starken Kanada nicht zustande kommen sollte. Und so weiter.


All dessen ungeachtet hat in den letzten beiden Wochen Malermeister Herbst wieder einmal den Pinsel ausgepackt und die Wälder rot und gelb getüpfelt, dass es eine Pracht ist – was nur bemerkt, wer sich die Muße dafür nimmt, den Blick zu erheben. Und genau dafür sind wir da, diese Seite und ich, um Sie freundlich an derlei Petitessen zu erinnern, denn viel Zeit ist nicht mehr. Gehen Sie doch schnell noch einmal hinaus und blicken Sie sich um. Der heurige Herbst ist besonders schön, doch wenn jetzt bald die ersten Fröste über die Lande kommen, wird es schnell vorbei sein mit dem Zauber.


So wie im Frühling folgt auch im Herbst alles Schlag auf Schlag dem eigenen hurtigen Takt der jahreszeitlich angetriebenen Natur. Die Kürze der Tage bedeutet den Bäumen und Sträuchern, dass es nun hoch an der Zeit ist ihre wichtigsten Mitarbeiter, die Blätter, dazu aufzufordern, die kostbaren Ressourcen in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Zweck schicken sie bestimmte Botenstoffe quer durch das System.


Diese erteilen den Befehl, die Blattspalten zu schließen und das in den Blättern befindliche kostbare Chlorophyll sowie ein paar weitere wichtige Substanzen im Stamm und in den Ästen einzulagern, damit diese Vorräte im Frühjahr nicht erst mühsam raffiniert und aus dem Boden geholt werden müssen, sondern gleich wieder zur Hand sind. Wozu wegwerfen, was man schon hat? Die Natur ist klugerweise vorausblickend sparsam.


Warum aber verfärben sich die Blätter gelb und rot, bevor sie schließlich abfallen? Die Erklärung ist einfach. Das Chlorophyll hat bisher alles grün überlagert, was gelb oder rot hätte sein können. Nun, da es abgezogen ist, schimmern die in den Blättern enthaltenen Karotinoide gelb, die Anthocyane rot. Letztere, so neuere wissenschaftliche Erkenntnisse, werden von den Pflanzen möglicherweise überhaupt erst im Herbst gebildet und unterstützen in den wenigen Wochen besonderer Licht-, Wärme und Kälteverhältnisse dieser kurzen Tage die Photosynthese für ein letztes Kräfteschöpfen, bevor die Blätter endgültig fallen.

Sobald sie das getan haben, schlägt die Stunde der experimentierfreudigen Rosenvermehrer und Strauchvervielfältiger. Denn nun werden in den Gärten die Steckhölzer geschnitten. Mit scharfer und sauberer Gartenschere in der Hand begibt man sich zu jenen Sträuchern, die man gerne vermehren will, und diese Liste kann sehr, sehr lang sein:


Rosensorten, deren Namen in Vergessenheit gerieten, die man aber unbedingt, aus welchen Gründen auch immer, noch einmal oder vielleicht gleich in unverschämter Stückzahl haben will. Schwierig aufzutreibende Weintraubensorten. Ohnehin wie Unkraut wachsender Holunder zum Verschenken an Holundersaftliebhaber. Der hübsche Duftschneeball von der Nachbarin. Eine besonders dunkel blühende Weigelie vom Bauern oben im Dorf. Die lila Korallenbeere aus dem Garten vom Onkel, die man immer schon haben wollte, und die heuer endlich groß genug ist, um beschnitten zu werden.


Von solchen Pflanzen holt man in der Phase nach dem Laubfall eben diese Steckhölzer von den heuer gewachsenen, also den sogenannten einjährigen Trieben, um sie, in die Erde gesteckt, zu bewurzeln. Das Steckholz sollte etwa 20 Zentimeter lang sein und aus dem ausgereiften Mittleren Teil des Triebes stammen. Also werden die Spitzen entfernt, dann wird das Hölzchen an einer schattigen Stelle zu drei Viertel in die Erde gesteckt. Oben und unten ist zu beachten.


Der Boden sollte zwar nie zu nass werden, er darf aber auch nicht austrocknen. Nicht alle Steckhölzer bewurzeln, doch viele. Schneiden Sie also sicherheitshalber gleich ein paar. Die Steckholzvermehrung funktioniert übrigens natürlich auch im stets feucht gehaltenen, schattig und kühl positionierten Blumentopf, etwa auf dem Balkon.


Nächstes Jahr um diese Zeit werden wir wissen, welche Steckhölzer ausgetrieben haben und welche eingegangen sind. Scheinbare Nebensächlichkeiten mögen das sein, so wie die Schönheit des jahreszeitlichen Kreislaufs der Bäume, die beruhigender weise auch dann noch da sein werden, wenn Banken und Freihandelsabkommen nicht einmal mehr Erinnerungen sind.