Sonnenschirm im Herbst

26.08.2012, gepostet von Ute,
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Wir widmen uns an dieser Stelle heute spät, aber doch der Pilzsaison, da diese - zumindest in den verdorrten Wäldern Ostösterreichs - nun doch einen gewissen Ertrag hervorzubringen scheint. Schließlich kam ja endlich die Gnade eines spätsommerlichen Tiefs und damit der Pilze wichtigster Beförderer, der Regen, auch über die östlicheren Hügel und Berge hernieder. Zu spät für die Eierschwammerl, gerade noch rechtzeitig für andere kulinarische Waldbodenemporkömmlinge.

Bedauerlicherweise können wir ausnahmsweise nicht aus eigener Erfahrung von aktuellen Schwammerlraubzügen berichten, da ja stets zu viel gearbeitet werden muss - wir dürfen uns aber zähneknirschend an den Erfolgsmeldungen benachbarter Pensionisten schadlos halten. Munter und mit Körben voller Parasole unverschämt schwer beladen kamen die unlängst im Bleigrau des Morgens von den umliegenden Hügeln gehüpft. Herrliche Pilze, murmelten wir, wo die denn zu finden seien?

Doch Schwammerl suchende Pensionisten zählen, wie gesagt, zu jenen, die früh aufstehen, und die Heimtücke der Frage blieb ihnen selbstverständlich nicht verborgen. Oh, sprachen sie unverbindlich und wissend lächelnd, und wiesen mit weit ausholenden Armbewegungen quer über das gesamte Semmeringmassiv, den Schneeberg knapp noch streifend: Dort drüben, dort gibt's ein paar ganz gute Plätze. Nun denn, man darf's ja wenigstens probiert haben.

Familienplätze

Selbstverständlich werden potenzielle Schwammerlplätze so gut wie nie an Außenstehende verraten und hierzulande von den Alten in den Familien an die Jungen vererbt, ähnlich wie in Japan die Familienbonsais. Die Pensionisten parken selbst ihre Autos entweder im Verborgenen oder stellen sie an unverfänglicher Stelle demonstrativ arglos ab. Manche gehen sogar Umwege zu ihren vermaledeiten Geheimplätzen, um Verfolger abzuschütteln oder Beobachtern ein Schnippchen zu schlagen.

Doch Parasole sind sowieso sympathisch unberechenbar und umtriebig. In einer Saison gibt es sie an bestimmten Stellen quasi zum Saufüttern. Im nächsten Jahr stehen gewiefte Parasoljägerinnen, wie beispielsweise Christina D., sinnend mit dem Körbchen vor der Leere, wo vormals Fülle herrschte.

In Zeiten flächendeckender Mobiltelefonanknüpfung selbst im tiefsten Forst kann man dann seine Schwammerlverbündeten anrufen, denn geteiltes Leid ist halb so schwer. "Wie Honig", so sprach sie melancholisch ins Telefon, "wie Honig rinnt das Licht durch die Blätter. Allein - es trifft auf keinen Parasol!"

Parasolsteaks

Es soll Schwammerlverehrer geben, die diesen Pilz als minderwertig erachten. Doch die haben ganz offenbar noch nie fein panierte, in Butter sanft herausgebrutzelte Parasolsteaks zu sich genommen. Ein wenig Zitrone darüber und ein Glas vom guten Weißen dazu - und der Herbst wird augenblicklich golden.

Parasole kann man in allen Wachstumsstadien ernten, nur die allzu Alten lässt man besser stehen. Bis zu 30 Zentimeter Durchmesser erreichen die braun beschuppten Hüte. Besonders Gierige essen den Ring, der sich unter der Kappe am Stiel befindet, gleich im Wald und roh.

Apropos: Wer sich auskennt, kann den Parasol unter anderem an diesem Ring vom tödlich giftigen, für Laien ähnlich ausschauenden Knollenblätterpilz unterscheiden. Dessen Ring ist, im Gegensatz zu jenem des Parasol, nicht verschiebbar. Aber Achtung, wir geben hier keine Anleitung für potenzielle Lebertransplantationspatienten nach Knollenblätterpilzgenuss. Schleichen Sie sich lieber in einen Schwammerlsucherclan ein - wahrscheinlich bleibt Ihnen eine Heirat zu diesem Zwecke nicht erspart - und lassen Sie sich die Unterschiede vor Ort live erklären, bevor Sie selbst auf die Jagd gehen.

Und wenn jemand meint, das mit den gut gehüteten Plätzen sei jetzt eine Übertreibung: Ich nehme  Hinweise in schriftlicher Form dankbar entgegen

Aus "Menschen sind auch nur Gärtner"