Schmatzen, Spucken, Schlatzen

05.09.2012,
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Zigarettenkonsumenten mit Spuckhemmung sind genau so tüchtige Weinverkoster wie echte Weinexperten. Sie haben nur eine andere Wahrnehmung der Welt - zum Beispiel der milden, freundlichen und überaus weinreichen Südsteiermark.

 

Es begab sich eine kleine Truppe internationaler Weinverkoster in die Südsteiermark. In dieser zierlichsten Gegend Österreichs, in der sich die Hüterbuben noch lange nach dem Krieg die Zehen in frischen Kuhfladen aufwärmten, weil sie keine Schuhe hatten, wurde der Wein im vergangenen Jahrzehnt zum Treibstoff, der die Region in eine neue, wohlhabendere Zeit katapultierte. Mit von der Weinverkoster-Partie waren ein Holländer, ein Italiener, eine Amerikanerin, ein Däne, ein Schweizer – und zufälligerweise ich, lediglich mit dem Durchschnittswissen eines gewöhnlichen Weinkonsumenten geschlagen: Rot, Weiß, Rausch, aus. Naja - aber es ist fast so schlimm.

Nase, Gaumen, Geschmackspapillen

Die Weinverkoster nahmen mich dennoch mit freundlicher Nachsicht in ihrer Mitte auf. Ich dankte es ihnen schlecht. Gleich nachdem man einander bekannt gemacht hatte, zündete ich mir unter freiem Himmel eine Zigarette an und bekam sofort die erste von vielen Lektionen erteilt. Ob ich mir nicht denken könne, frug der Schweizer Kollege streng, warum hier nirgendwo Aschenbecher stünden? Ob ich nicht wisse, dass die wichtigsten Instrumentarien der Weinverkoster, also Nase, Gaumen, Geschmackspapillen, von außerordentlicher Empfindsamkeit und jeglicher Rauchentwicklung gegenüber abhold seien?


Ich wusste das schon, aber da wir uns im Freien befanden, hielt sich meine Zerknirschung ehrlich gestanden in Grenzen, und als sich der als Weinverkostungskoryphäe weltberühmte Italienische Kollege wenig später auch eine Zigarette anheizte, und zwar eine ziemlich starke, so war das meine zweite Lektion. Weinkenner sind auch nur Menschen, dachte ich, und so verschieden wie all wir anderen auch.

Mit diesem beruhigenden Einstiegswissen ausgestattet begaben wir uns auf die Tour. Die morgendlichen Sonnenstrahlen zauberten verspielte Grün- und Goldvarianten auf die Wein-, Wiesen- und Waldhänge dieser gebenedeiten Gegend. Hier hat sich der Erdboden im Laufe der geologischen Werdung unseres Planeten auf’s Günstigste verworfen und gefältelt, sodass auf kleinstem Raum die vielfältigsten Gesteinsschichten zutage treten, um von den Wurzeln edler Traubengewächse angezapft zu werden. Die letzte große Erschütterung war allerdings anderer, nämlich menschlicher Natur gewesen: Der Glycolskandal der 80er Jahre hatte auch die südsteirische Winzerwelt zerrüttet. Doch aus den Ruinen der vormals verbotenerweise mit künstlichen Süßstoffen hantierenden Heckenklescherkellereien war rasch eine neue, weit höher stehende Weinkultur gewachsen, zu der heutzutage auch die entsprechende Architektur gehört. Stichwort Image und Weinmarketing und so.

Dank großzügiger nationaler und europäischer Förderungen entstand in der früher recht armen Südsteiermark in den vergangenen fünf Jahren eine fesche Winzerhütte neben der anderen, und bei der nächstgelegenen parkten wir uns ein. Gute Architekten hatten hier gute Arbeit getan: Der Weg führte durch alte, kaum von Gestaltungswut berührte Weinkeller hinauf in einen nagelneuen  lichtdurchfluteten gläsernen Weinverkostungsraum, wo man sofort zur Arbeit schritt: Alle nahmen Platz, die Gläser wurden befüllt, es setzte ein Schnobern, Schmatzen, Glucksen und Gurgeln ein, das bei geschlossenen Augen die Vision eines Schweinestalles im Moment der Fütterung produzierte.

Weinbauernpratzen! Gott sei Dank!


Es ist ihr Beruf, dachte ich nachsichtig, öffnete die Augen und erblickte erstmals, was zu sehen ich im Laufe der kommenden Tage verbissen zu vermeiden trachtete: Alle führten kleine Gefäße an den Mund und spieen aus. Rebensaft floss aus ihren Mäulern, und ich darf behaupten, dass das kein schöner Anblick war. Ich betrachtete mein Glas. Ich betrachtete den mir zugedachten kohlrabenschwarzen Spucknapf in Form einer Amphore. Mein Blick wanderte zum Winzer, der seinerseits stehend und mit einer, wie mir schien, gewissen Abgeklärtheit die versammelte Weinprominenz musterte, während die in der wieder eingekehrten Stille auf eigens für diesen Zweck vorbereiteten Tabellen ihre olfaktorisch-geschmacklichen Eindrücke notierte. Ohne es zu wissen erteilte er mir im nächsten Moment eine weitere Lektion: Er führte sein in ordentlichen Weinbauernpratzen nachgerade verschwindendes Weinverkostungsglas an den Mund – und nahm genüsslich einen reschen Schluck. Ich tat es ihm sofort gleich.

Kann es sein, wandte ich mich dann flüsternd an den mir nachbarschaftlich sitzenden Architekten des schönen Hauses, dass dieser Winzer Weinverkoster nicht uneingeschränkt schätzt? Seine Antwort war ein gurgelndes Kichern, und das war genug.

Wir besuchten in der Folge, die liebliche und an landschaftlichen Aha-Erlebnissen reiche Gegend viel zu rasch durchmessend, eine Kellerei nach der andern, und selten wurden weniger als zehn, fünfzehn Weine verkostet. Das Ausspucken – natürlich gehört es zum Geschäft! Für Außenstehende wie mich, die an Wein-Spuckhemmung leidet, hat es trotzdem etwas Belastendes - gleichwohl die Supernasen auch hierin interessante Unterschiedlichkeiten an den Tag legten. Der Däne zum Beispiel konnte den Wein angenehm geräuschlos von sich geben, den Italiener hatte ich im sympathischen Verdacht, nicht immer auszuspeien, die lauteste und konsequenteste Spuckerin von allen war jedoch die Amerikanerin.


Die Welt ist voller Spucknäpfe

Ich bezweifle, dass auch nur ein Tropfen Wein ihren Magen im Laufe ihrer beachtlichen Karriere jemals erreichen durfte. Sie schlatzte jeden Trunk aus eindrucksvollen Entfernungen in die unterschiedlichsten Gefäße, während Weinbauern gerade von ihren Urgroßvätern erzählten, die ihre Weine noch ausschließlich für den Eigenbedarf gekeltert hatten. Sie spie die edelsten Tropfen in sorgfältig geschnittene Buchsbaumhecken, wenn die gerade zur Stelle waren. Ja sie goss mündisch sogar die hübschen kleinen Pelargonienarrangements, mit denen die Weinbäuerinnen ihre Vorgärten zu verzieren pflegen.


Als wir schließlich in einem an hygienischer Sauberkeit einem Operationssaal in nichts nachstehenden Kellergewölbe landeten, wo glänzende Stahlfässer wie gewaltige Orgelpfeifen einem kaum mehr auszumachenden Gewölbe entgegenstrebten, glaubte ich mit heimlicher Schadenfreude ihre Stunde gekommen. Wohin, zum Teufel, würde sie sich hier erleichtern? Die Amerikanerin zögerte nur unmerklich und verschwand hinter einem mehrere tausend Liter fassenden Stahlmonument. Es klatschte. Sie erschien wieder. Ich nahm die Fährte auf und erblickte hinter dem Fass einen offenbar für die Bodenreinigung vorgesehenen Auslass im Estrich. Seither weiß ich: Die Welt ist voller Spucknäpfe.


Seltsamerweise wurden die High-Tech-Konstruktionen unter ihnen von den Supernasen verweigert: In so gut wie jeder Verkostungsstube befinden sich Degustationselemente, die an Zahnarztordinationen erinnern, weil sie mit integriertem Spülsystem ausgestattet sind. Ich versagte auch hier und begann sicherheitshalber die Verkostungsmengen auf homöopathische Dosen zu drosseln, um bei Bewusstsein zu bleiben.

Das machte sich bezahlt, denn im Laufe der Besichtigungen vieler weiterer Keller, Weinhänge und Verkostungstempel hob sich nicht nur meine Laune, es kristallisierte zugleich in scharfer Geometrie die Erkenntnis, dass Architektur- und Weinqualität in direktem Zusammenhang stehen. Um diese These fachlich abzufedern verbündete ich mich mit dem Italiener. Während wir heimlich rauchten, explizierte er mir die Güte des Weines, ich erklärte dafür die Gebäude, und gemeinsam kamen wir immer zu denselben Schlüssen: Wo angeberische, marktschreierische Konstrukte das Auge blenden, dort verkleben ebensolche Weine den Gaumen. Wo feine, elegante Formen herrschen, dort keltert man die beste, subtilste Qualität.


In einem sehr auffälligen Etablissement, wo die Klos in kupferfarbener Schlierentechnik ausgepinselt waren und die Verkostungsräume vom Architekten über reflektierende Spiegelkonstruktionen mit den Weinhängen kunstvoll zur Kommunikation gebracht wurden, tauschte sich der jugendliche, sehr coole Nachwuchs-Weinbauer en passant mit dem holländischen Weinguru über die Vorzüge von Glas- Kunststoff-, Schraub- und Naturkork-Korken aus. Ich lernte, dass ich mit Menschen unterwegs war, die Interviews mit dem Präsidenten der internationalen Screw-Cap-Initiative geführt hatten, der, wie ich mich zu erinnern glaube, in Neuseeland lebt.


Die Zehen in den warmen Kuhfladen

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine ohnehin wenig ehrgeizigen Versuche, die Welt der Spitzenweine zu ergründen, längst aufgegeben. Ich blätterte vielmehr in einer der Broschüren, die in akkuraten Stapeln herumlagen, und las, dass der Großvater des schnieken, an internationalen Weinakademien geschulten Jungbauern für ein Tröpferl mit dem schönen Namen „Pößnitzberger Sorgenbrecher“ berühmt gewesen war. Irgendwie bekam die Szenerie augenblicklich etwas wundervoll Menschlich-Gestrig-Tröstliches. Die junge und sehr liebe Ehefrau des Sorgenbrecher-Enkels bemühte sich vergebens um weltläufige Eleganz beim Einschenken des nächsten Weines, und ich stellte mir vor, wie ihr Großvater - wie die meisten Großväter der Leute hier - seine Zehen in frischen Kuhfladen gewärmt hatte, lang bevor die Südsteiermark als Wein-Mekka und Urlaubsparadies entdeckt worden war.


Die südsteirischen Winzer sind mittlerweile international hervorragend beleumundet. Jeder, der gerne Wein trinkt, sollte sich auf den Weg hierher machen. Und jeder, dem Wein egal ist, der aber die Idylle einer kleinteiligen, fast mediterran-lieblichen Landschaft schätzt, der gutes, bodenständiges Essen und freundliche Leute mag, sollte dasselbe tun. Ausgerechnet das allerletzte von uns besichtigte Weingut - übrigens Lackner TInnacher - war die form- und geschmackvollendete Symbiose von Rebensaft und Architektur. Und hier geschah das Unfassbare: Die Amerikanerin trank den Wein. Sie leerte ihr Glas. Sie schluckte ihn hinunter. Sie zückte die Kreditkarte. Sie bestellte. Ich tat es ihr augenblicklich gleich. Dann rauchte ich mit dem Italiener eine Abschiedszigarette. Wir waren alle sehr glücklich.

Erschienen in "Reisemagazin"