Samstags kauft Contessa Lilien

31.08.2012, gepostet von Ute Woltron,
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Weit hinter San Marco, weit hinter Dogenpalast und Touristengewühl liegen die Gärten Venedigs, die Giardini. Nie sind sie schöner als im Winter. In der kalten Jahreszeit herrscht dort Ruhe. Auf den Treppchen und Vordächern der alten Ausstellungspavillons unter den Bäumen treiben die Blätter. Letze Rosen blühen im Frost. Es ist, was es sonst nie ist: still.


Dieser köstliche Zustand kann derzeit kaum nachvollzogen werden: Venedig ist nie lauter als im Spätsommer. Schon frühmorgens schwärmen die Touristen in Gässchen und Kanäle aus wie Scharen geschwätziger Stare.  Bald starten die Filmfestspiele, die Gazetten bersten bereits vor aufgeregter Erwartung auf die Prominenz. Schon vorher eröffnet die Architekturbiennale in eben diesen Giardini, und manche Architekten promenieren auf der Suche nach dem Gesehen werden durch die Stadt, grade so, als ob sie die wahren Filmstars wären.


Von all dem Gelärme und Getue unberührt öffnet am Samstag frühmorgens die alte Contessa ihr Haustor, so wie sie das seit Jahrzehnten tut. Denn samstags begibt sie sich auf den Markt. Wenn sie wenig später zurückkehrt, trägt sie beide Arme voll weißer Lilien. Sie trägt, soviel sie tragen kann. Wenn sich das Haustor hinter der zierlichen alten Venezianerin mit den weißen Lilien wieder geschlossen hat, wird die Mauer des Palazzo aus dem 13. Jahrhundert wieder zur steinernen Fassade, zu einem jener hastig im Vorbeieilen von den Touristen fotografierten Versatzstücke der Stadt, zu einem der zahllosen rätselhaften Puzzleteilchen Venedigs, das als Ganzes nie erfassbar wird.

Hinter dieser Fassade liegt ein Universum verborgen, geformt von mehr als zwei Dutzend Generationen. Dazu gehört auch ein Garten, wie er hübscher nicht sein könnte. Die Contessa pflegt ihn seit vielen Jahrzehnten: Geometrische, geschwungene Rabatte, eingefasst und in einen Rahmen gebracht von niedrig gehaltenen Buchshecken. Rosen, Anemonen, Hibiskus in allen Rosa-Lila-Nuancen. Dazwischen Kieswege, alte Gartenmöbel, Spaliere an Ziegelmauern, eine rosenüberrankte Pergola aus Metallstäben, in der man Platz nimmt wie in einem Vogelkäfig.

Einer steinernen Grotte entsteigt ein lebensgroß gemeißelter Neptun, daneben ruht eine Nymphe, und im Schatten eines Baumes nähert sich Zeus, der alte Lüstling, dem arglosen Hirtenjungen Ganymed. Jede Idylle ist letztendlich immer nur eine scheinbare.

Oben, in überaus prächtigen, riesenhaften Gemächern, ordnet derweil die Contessa ihre weißen Lilien. Sie vertraut sie den verschiedensten Vasen an. Porzellangefäßen, und solchen aus Silber. Am besten machen sie sich in schweren Glasvasen, weil das durchsichtige Material auch die Lilienstiele zeigt. Verzerrt zwar, aber die Blumen bleiben so gewissermaßen ganz.


Solche Gedanken pflegt nur, wer Zeit hat. Oder wer sich Zeit dafür nimmt. Und in der Betrachtung dieses alten, in seiner unbeschreiblichen Üppigkeit vollkommen erhaltenen Palazzos wird plötzlich offenbar, dass überall, in jedem Detail, Blumen blühen.
Im Porzellangewand eines Buddhas. In der seidenvergilbten Tapete. In Teppichen, Wandgemälden, Stukkaturen. In Aschenbechern, Porzellanschalen, auf dem Ziffernblatt der Wanduhr, in den Bilderrahmen der Ahnengalerie.


In den Giardini ist die Architektur derweilen auf der Suche nach einer neuen Zeit. Keine Blumen. Wir haben andere Probleme. Megacities. Die Überwachung des öffentlichen Raums. Wohnungsnot. Auch die war immer. Doch nie wieder wird es Häuser geben, die jahrhundertelang bewohnt und mit Blumen geschmückt werden.

Erschienen in "Die Presse"