Pflanzenjäger

27.07.2016,
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Quelle: web

Père Delavay und die Blumen

Die katholische Societé des Missions Etrangères de Paris wurde Mitte des 17. Jahrhunderts gegründet, um Geistliche, aber auch Laien zu Missionaren auszubilden. Insbesondere Indochina sollte dem „wahren Glauben“ zugeführt werden, ein bekanntermaßen ewig sich wiederholendes Thema unter den verschiedensten Vorzeichen. Einer dieser Männer, die in das für den Westen damals noch weitgehend Unbekannte entsandt wurden, war ein gewisser Père Jean Marie Delavay. Der muss ein eigenartiger und bemerkenswerter Mann gewesen sein.


Im Jahr 1867 erreichte er die ihm zugewiesene Missionarsstation in der Provinz Guangdong im Südosten Chinas und fand sich damit in jener Weltgegend wieder, die der britisch-amerikanische Botaniker und Pflanzenjäger Ernest Henry Wilson Jahre später andächtig als die „Mutter aller Gärten“ bezeichnen sollte. Zahllose prachtvolle Gartenpflanzen, die für uns heute alltägliche Selbstverständlichkeit sind, stammen ursprünglich aus dieser Gegend: Viele Rhododendrenarten, Kamelien, Kolkwitzie, Gingko, Pfingstrose, um nur ein paar zu nennen.


Delavay war von der Vielfalt der Flora und Fauna Südchinas offenbar sofort fasziniert. Er begann Streiftouren durch die Umgebung zu unternehmen. Über die Jahre zog er immer weiter hinaus in das Land und erreichte sogar die Nordgrenze der Nachbarprovinz Yunnan. Dabei reiste er stets allein und zu Fuß. Er betrachtete die Pflanzen, die Tiere, die Landschaft, er sammelte Vogelfedern und Gewächse und legte schließlich auch ein Herbarium an.

 

Stets nur zu Fuß

Nach 14 Jahren des Herumwanderns und wohl zwischendurch auch gelegentlich Missionierens kehrte er für einen kurzen Besuch nach Frankreich zurück, wo er auf den Botaniker und Naturforscher Père Armand David traf. Sollte in Ihrem Garten ein Sommer- oder Schmetterlingsflieder wachsen, so eignen Sie zum einen bereits eine dieser chinesischen Pflanzenschönheiten, zum anderen ist Ihnen der Mann zumindest namentlich bereits bekannt. Die Buddleja davidii ist nach ihm benannt.

 

Armand David gilt heute noch als einer der wichtigsten Pflanzenjäger dieser wilden Zeit der den Globus abgrasenden Botanisiertrommeln. Er hatte China bereits einige Jahre vor Delavay bereist, mit Begeisterung unzählige Pflanzen gesammelt und nach Europa verschickt, war jedoch krank geworden und erzwungenermaßen wieder in Frankreich gelandet.Er überzeugte seinen Kollegen Delavay, unbedingt weiter zu sammeln, Pflanzen zu entdecken und an das Muséum National d’Histoire Naturelle zu senden. Der tat das auch, und auf diese Weise entstand eine der größten Pflanzensammlungen weltweit. Über die Jahre entdeckte der französische Pater an die 1500 neue Pflanzenarten, von denen viele heute noch unsere Gärten zieren.

 

Balletteuse im Halbschatten

Eine von ihnen ist nicht sehr verbreitet, und das verwundert, ist sie doch so zierlich und so wunderschön, dass man vor ihr stehenbleiben und sie anhimmeln muss. Jetzt blüht sie gerade, die China-Wiesenraute Thalictrum delavay, mit zierlichen, lila gefärbten Blütenbüscheln. Dabei ist die Kombination von kugeligen Knospen und aufgeblühten Blütenröckchen samt büscheligen Staubgefäßen eine echte Augenweide.


Die gesamte Pflanze ist hauchzart, dabei jedoch recht groß gewachsen. Sie wird an die 180 Zentimeter hoch. Sie zittert zwar bei jedem Windhauch, hat sich jedoch als durchaus zäh und standfest erwiesen. Kurzum: Jean Marie Delavays Entdeckung ist eine absolute Schönheit, an der man sich ohne Übertreibung kaum sattsehen kann.

Wer sie vor einen dunklen Hintergrund pflanzt, vielleicht sogar gleich in einer Gruppe, bietet ihr den optimalen Rahmen. Aber auch als Solitär und im Beet zwischen anderen Pflanzen schaut sie unwiderstehlich aus. Die feinen Blüten scheinen die anderen Pflanzen wie eine Balletteuse im Wind zu umtanzen und sich recht freundschaftlich mit ihren Nachbarn zu vertragen. Auch das Laub muss als hübsch gepriesen werden, es ähnelt dem des Frauenhaarfarns.


Wenn Sie nun eine Gruppenpflanzung andenken, ist zu beachten, dass die Wiesenrauten mit der Zeit nicht nur hoch werden, sondern auch recht breit wachsen. Pro Quadratmeter brauchen Sie also allerhöchstens drei Pflanzen, im Dreieck gepflanzt. Blütezeit ist ab Juli. Der Standort sollte halbschattig sein, der Boden gut nährstoffversorgt und – laut Lehrbuch - nicht allzu trocken. Erfahrungsgemäß kommen jedoch gut eingewurzelte Wiesenrauten auch in trockenen Phasen tadellos über die Runden. Ihre volle Größe, Pracht und auch die Kraft für gute Standfestigkeit erreichen sie freilich unter optimalen Bedingungen eher.


Wenn Sie bereits die Akeleiblättrige Wiesenraute in Ihrem Garten heimisch gemacht haben und sich nun fragen, worin der Unterschied besteht, so lautet die Antwort: Diese ist hierzulande heimisch, bleibt deutlich niedriger und blüht nicht in Glöckchenform sondern mit büscheligen duftig wirkenden, tatsächlich aber gar nicht gut riechenden Blütenrispen.