Oscar Niemeyer
1907 - 2012

07.12.2012,
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Wenn Oscar Niemeyer zu Grabe getragen wird, nimmt Brasilien und die gesamte Architekturwelt Abschied vom letzten Zeugen einer bereits untergegangenen Epoche. Von einer Art Dinosaurier einer Zeit, die heute unwirklich scheint, die es jedoch wert ist, in Gedanken hervorgekramt, in Monumenten bereist, in ihrer Idee studiert zu werden. Die Biografie des Brasilianers, der nur wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag starb, ist weder von der politischen Entwicklung seiner Heimat, noch von deren spektakulärer Schönheit zu trennen.

Niemeyer wurde 1907 in Rio de Janeiro geboren, einer Stadt, in der die Macht der Natur an allen Häuserkanten spürbar ist. Wenn der Landwind über die gekurvten Berge Richtung Meer braust, beginnen Luft und Wasser miteinander zu spielen, dann bäumen sich die Wellen haushoch und donnern schon einmal aus sechs Metern Höhe auf den Strand, der als einer der schönste der Welt gilt. Fast 70 Jahre lang beobachtete Niemeyer den Wellengang der Copacabana von seinem Atelier aus. Die Wellen und die Mädchen. Und die ewigen Fußballspieler im heißen Sand.

Er selbst war der Meister der gebauten Welle. Niemand vor und nach ihm hat mit dem Stahlbeton derart kühn gespielt wie er. Seine Häuser scheinen auf geschwungenen Stützen zu schweben, seine Kirchen mit zarten Stahlbetonstreben den Himmel zu umarmen. Jedes Projekt ist eine große, in feinen Beton gegossene Skulptur und eine technische Meisterleistung der Sonderklasse. Wenn er in seinem Atelier über der Copacabana saß, hinter rundlich ausbuchtenden Glaswellen des Art Deco, war er ein kleiner, fußballbäuchiger Mann. Hosenträger hielten statisches Gleichgewicht zwischen Hemd und Hose, und egal, in welcher Sprache die Konversation begannt, sehr bald mündete das Gespräch in einen wortlosen Dialog zwischen Zeichenstift und Papier. Er skizzierte, wie nur ganz alte Architekten skizzieren können. Stehend, die Linke in der Hosentasche. Die Linie kam aus der rechten Schulter, sie floss durch den Arm in den Daumen, übertrug sich auf den Stift, und Farbe und Papier wurden zum Medium, das die Geschichte eines Lebens in Bildern und Architekturen erzählte.