One Night in Mumbai

15.11.2013,
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Sein Name war Abhay, und wie ich später erfuhr bedeutet das „der Angstlose“. Abhay war undefinierbaren Alters, irgendwas zwischen 50 und 65. Ich konnte ihn nicht danach fragen, denn seine Sprache war nicht die meine und die meine nicht die seine, und er gehörte zu den wenigen Indern, denen Englisch bis auf ein paar Worte unbekannt ist.

Als ich in sein Taxi stieg, war gerade alles rot, orange und lila beleuchtet, weil die unterschiedlichen Smogschichten über Mumbai das Licht der untergehenden Sonne in die prächtigsten Spektralfarben zerlegten. Es gibt eine Schönheit des Drecks, wie Smogsonnenuntergänge zum Beispiel, oder das Schillern dünner Ölschichten auf Wasser - eine gefährliche, abartige, menschenproduzierte Schönheit des Drecks.

Vor zwei Stunden war ich in Mumbai gelandet. Der Anschlussflug ging erst lang nach Mitternacht - in neun Stunden. Nur eine davon würde es noch hell sein, dann würde dieses Ungetüm von Stadt in feuchtwarmer Finsternis versinken, und zwar mit mir mittendrin. Mumbai ist quasi die Essenz Indiens. Das Land hoch drei. Das dichtest besiedelte Areal der Welt. Viel mehr als die Hälfte des Stadtgebiets besteht aus Slums. Mit knapp 13 Millionen Einwohnern ist die Hauptstadt des Bundesstaates Maharasthra die bevölkerungsreichste Stadt der Welt, rechnet man das Umland dazu, erreicht die „Mumbai Metropolitan Region“ mit rund 20 Millionen Bewohnern Rang Fünf der größten Agglomerationen auf Gottes Erdboden.


29.500 Personen pro km²

Doch vor allem die Menschendichte hier ist grausam spektakulär. Im Schnitt leben in Mumbai 29.500 Personen auf einem Quadratkilometer. In Wien beträgt der Vergleichswert 3.980, was für indische Verhältnisse so leer ist wie die Sahara für Wiener.

Ich hatte also neun Stunden Zeit und konnte entweder auf dem Flughafen vergammeln oder eine Art Blitzexpedition durch diese Megacity wagen. Der Flughafen liegt am nördlichen Rand der Stadt, die sich in den vergangenen 350 Jahren über eine Halbinsel ausgebreitet hat. Der südlichste Zipfel ist rund 40 Kilometer davon entfernt. Dem Reiseführer war zu entnehmen, dass sich dort im Stadtteil Colaba nicht nur die attraktivsten Gebäude und Sehenswürdigkeiten befinden, sondern auch eines der berühmtesten Hotels des Subkontinents. 1903 im britisch-indischen Mischstil von 1001 Nacht erbaut, trägt es den verheißungsvollen Namen Taj Mahal, was so viel bedeutet wie „die Krone des Ortes“. Dass dort keine verblichene Hauptfrau eines Großmoguls begraben liegt wie im gleichnamigen Mausoleum, sondern diverse nette Bars, das lag auf der Hand. Und das Taxi des Angstlosen, so hatte ich beschlossen, würde mich quer durch die sich verfinsternde Stadt genau dorthin katapultieren. Eine Fahrt durch das Unbekannte, ein fescher Drink - und wieder zurück. Das war der Plan.

Bevor ich Mumbai erreicht hatte, war ich bereits viele Stunden unterwegs gewesen, war durch indische Kleinstädte mit der Einwohnerzahl der österreichischen Bundeshauptstadt gefahren, hatte auf staubigen Flughäfen stundenlange Verspätungen ausgesessen und Räucherstäbchenduft geatmet. Nach Trips dieser Art ist man sowieso schon irgendwie ein bisschen drüber, und deshalb, als sich das innen und außen völlig schwarze, absurd klapprige Gefährt des Angstlosen scheppernd in Bewegung setzte, kam ich mir ein bisschen vor wie Frederik Pohls Sciencefictionheld Rob Broadhead, der in der genialen Gateway-Trilogie in einem Miniaturraumschiff einer unbekannten Spezies eine Reise unbekannten Ziels und ungewisser Dauer antritt.

Der Angstlose kurvte gekonnt mit hocherhobenem Turban durch das Taxigewühl, das das gesamte Flughafengebäude wie eine sich langsam windende Blechmasse im Würgegriff hielt. Bisher hatte er noch kein Wort gesprochen. Bald blies Fahrtwind durch das offene Fenster, die säuberlichen Fassaden der flughafennahen Hotelketten flogen vorbei, die Gebäudefronten an den Straßenrändern wurden dicht und niedrig, die Menschen auf den Gehsteigen zahlreich. Viele Verkaufsstände, die Saris der Frauen in allen Farben Indiens, aufgefädelte duftige Blumengirlanden, Bollywoodmusikfetzen.

Und dann warf Abhay, der Angstlose, sein Gefährt in das rasende, brüllende Verkehrschaos der Nord-Süd-Hauptverbindung - und ab da hatte der Trip tatsächlich etwas Außerirdisches. Der Angstlose steuerte uns wie ein Geschoß über den Asphalt, der im Übrigen durch die Löcher im Boden des Wagens ausgezeichnet zu sehen war; er sprang förmlich in jede Verkehrslücke, die nur wenige Millimeter breiter war als das Automobil selbst; er ließ uns gewissermaßen zu einem hochbeschleunigten Blutteilchen im rasanten Pulsschlag dieser unglaublichen Stadt werden.

"You are the Tiger of Maharasthra"


Offenbar durchmaßen wir auf einem erhöht gelegenen Freeway erst einmal ein Geschäftsviertel mit locker verstreuten Hochhäusern, in der Ferne war das Meer samt versinkender Sonne zu sehen. Dann wurde dem Angstlosen der Verkehr hier zu dicht, er scherte aus und suchte unser Heil rasant auf engeren Nebenstraßen. „You are the Tiger of Maharasthra“, schrie ich ihm zu, „The best Taxi-Driver of Mumbai.“ Erstmals drehte er sich halb zu mir um und lachte, lang und laut. Mittlerweile war es stockfinster geworden. An den Straßenrändern gingen Menschen, saßen Menschen, lagen Menschen. Auf kleinen offenen Feuerstellen wurde gekocht, Frauen und Mädchen hockten auf der Straße und wuschen Wäsche, durch Fenster und Türen sah man direkt in die Wohnhäuschen, die dicht an dicht aneinander und übereinander geschachtelt waren und deren Konstruktionsart jeden europäischen Baumenschen in augenblickliche Ohnmacht versetzen würde. Dazwischen Autos, Mopeds, Hunde und auch so manche Kuh. „Ich weiß nicht, wie diese Menschen die Monsunzeit überleben können“, hatte ein Inder zu mir gesagt, der auf einem der Inlandsflüge neben mir gesessen war. Und tatsächlich lässt sich die Dichte, in der die Menschen hier leben, mit Worten nicht beschreiben. Sie setzt sich aus Düften und Gestank, zusammen, aus Lärm und Musik, aus knallbunten Farben und grauem Dreck.

Wir fuhren gut eineinhalb Stunden durch Slums, an Märkten und an Tempeln vorbei. Dann wurde die Szenerie lockerer, die Häuser prächtiger, die Straßen wieder breiter: Wir waren im alten Stadtteil Colaba angekommen. Abhay bremste sich vor einem hell beleuchteten vielgeschoßigen Prachtbau schaukelnd ein, drehte sich zu mir um und sprach die ersten Worte: „Taj Mahal Hotel“. Wir verständigten uns auf zwei Stunden Wartezeit. Treffpunkt an einer bestimmten Ecke. Ich tauchte in staubiger Tramperkluft wie ein Alien in eine koloniale Gold- und Marmor-Luxuswelt ein, in der eine einzige Toilettenanlage den Raum für mindestens sieben Familien da draußen einnahm. Eine wunderschöne Inderin reichte mir freundlich lächelnd die Seife, eine andere das Handtuch, ich flüchtete peinlich berührt in eine der Bars und kippte in gnädigem Dämmerlicht einen Gin Tonic, der das Doppelte dessen kostete, was ich mit dem Angstlosen als Taxipreis vereinbart hatte. In den Straßen hinter dem Hotel drängten sich Touristen und fliegende Händler durch die schmalen Gänge zwischen unzähligen Verkaufsbuden, in denen all der geniale Kitsch Indiens zum Feilschen bereitlag: Seidenschals, Elfenbeingötter, perlenbestickte Täschchen, Silberschmuck.


"You Dinner?"

Nach zwei Stunden traumhaften Wandelns war es wie ein Heimkommen, als sich in der Finsternis neben dem Hotel der dunkle Schatten des Taxis löste und mir entgegenfuhr. Abhay drehte sich wieder halb um und fragte: „You Dinner? In Hotel?“  „No!“, antwortete ich, „Much too expensive. Price crazy!“ Wir lachten sehr miteinander, weil wir uns endlich verstanden, und der Angstlose hielt an einem der Straßenstände und wir kauften uns, in Zeitungspapier gewickelt, um wenige Rupien ein paar dieser köstlichen Teigtaschen mit feuriger Erdäpfelfülle.

Am Flughafen verabschiedeten wir uns, und das freundliche Kopfwackeln des Angstlosen freute mich. Er hätte ja auch nicht wackeln müssen.

Der Bus, der uns Passagiere später vom Flughafengebäude zum Flieger transportierte, kollidierte dank eines haarsträubenden Schlenkers dann doch gerade nicht mit einer die Fahrbahn querenden Maschine. Ein australischer Geschäftsmann neben mir schloss ergeben die Augen und murmelte, er erachte es als Gnade, nicht zu wissen, welchen Manövern er in indischen Flugzeugen regelmäßig ausgesetzt sei. Ich drehte mich halb zu ihm um und wackelte ein wenig mit dem Kopf.

Erschienen in "Reisemagazin"