Nur in der Mitte des Feuers verbrennt man nicht

24.10.2012,
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Weil sie alles gesehen haben, weil sie bereits durch den Tod gegangen sind, weil sie schon in der Stunde ihrer Geburt so allein waren wie der Allmächtige: die Geschichte eines kleinen großen Überlebenden und über die Würde des Menschen. Der Versuch einer Aufzeichnung.

Wussten Sie, dass in der perversen Welt momentan kaum etwas gefragter und teurer bezahlt ist als Sex mit Hochschwangeren? Das Kind, das Evelyn im Bauch trägt, ist bare Münze wert für ihren Zuhälter. Abgecasht wird zuerst in Wien, und wenn die Freier die Schwangere hier satt haben, dann wird sie nach Deutschland und in neue Reviere verfrachtet. Die Ultraschallbilder, mit denen der Arzt das Gedeihen des Fötus kontrolliert, zeigen nicht nur ein immer größer werdendes Baby, sondern auch jede Menge Hämatome in der Schambeingegend der werdenden Mutter. Zimperlich darf keiner sein im horizontalen Gewerbe, nach den Kindern fragt sowieso niemand. Irgendwann ist Schluss mit dem Schwangerensex, weil irgendwann kommt das Baby schließlich auf die Welt. Auf unsere Welt.

Das Ende des Zuhälterfestes ist zugleich der Anfang eines neuen Lebens. Plötzlich ist ein kleiner Mensch da. Was passiert mit ihm? Evelyns Kind hat einen Bruder. Er ist heute sieben Jahre alt, sein Leben hat neun Monate vor einem Tag im Mai Mitte der 1990er Jahre begonnen, als er im Wiener AKH geboren und allein gelassen wurde. Seine Mutter war damals 17, angeblich bildschön und in Peepshows beschäftigt - ein ehemaliges Heimkind, das mit einem anderen Heimkind ein Kind gemacht hatte. Zu einem Sozialarbeiter-Ehepaar, das allerdings nicht direkt für die Jugendlichen verantwortlich war, hatte sich schon vorher ein besonderes Verhältnis entwickelt. Noch im dritten Schwangerschaftsmonat riet die Frau der werdenden Mutter dringend an, das Kind abtreiben zu lassen. Sie sei nicht dazu in der Lage, für sich selbst zu sorgen, wie solle sie denn die größte Verantwortung überhaupt, die für einen kleinen Menschen, übernehmen? Der Untergang beider sei vorprogrammiert.

Tribunale vor dem Jugendamt in Wien endeten mit Vorwürfen, die Sozialarbeiterin solle sich nicht einmischen, man werde in Schichtdiensten Sorge für das Kleine und seine Mutter tragen, alles werde sich zum Besten wenden. Drei Wochen nach der Geburt des Buben setzte sich die Sozialarbeiterin gegen zwei Uhr morgens daheim im Bett auf, weckte ihren Mann aus dem Tiefschlaf und befahl ihm, sofort mit ihr nach Wien zu fahren, weil sie spüre, ja ganz einfach wisse, dass es Kind und Mutter schlecht gehe, und dass sofort etwas passieren müsse, bevor es zu spät sei. Evelyn war mit dem Kind abgetaucht, doch noch im Laufe des Morgens fand man heraus, wo sie wohnte.

Mezzanin. Die Fenster so verdreckt, dass man von der Straße nicht hineinschauen konnte. Geräusche in der Wohnung, schließlich ein beherzter Hausmeister, der aufsperrte. Mitten in einem Abort von einem Zimmer ein französisches Bett. Fünf Freier darinnen, noch mit Cowboystiefeln an den Füßen, in der Mitte, irgendwo zwischen den Männern, der Säugling. Regungslos, aufgegeben, aschgrau, halb verhungert und verdurstet. Gestank, Chaos, Dreck. Die Kindsmutter aufgelöst, verwahrlost, verkrätzt und völlig am Ende: "Wenn ihr jetzt nicht gekommen wärt, hätte ich mich vor die U-Bahn geworfen." Vom Jugendamt, das volle und tägliche Unterstützung zugesagt hatte, war während der gesamten Zeit nie auch nur eine Menschenseele aufgetaucht. Schon den Krankenschwestern im AKH war aufgefallen, dass die Mutter ihr Kind nie in den Arm nahm, nie wickelte, keine Beziehung zu ihrem Baby entwickelte, geschweige denn stillte.

Zu Hause hatte sie den Kleinen während der drei Wochen mit einem Mehl-Wasser-Zucker-Brei "ernährt", aus einem gesunden rosigen 3,50-Kilo-Säugling war ein gespenstisches Greisengeschöpf geworden, ein ausgedörrtes apathisches Skelettchen, das, nie gebadet, gepflegt oder lieb gehabt, noch immer sein Krankenhaushemdchen am Leib trug. Und das unter Dreck- und Krätzeschichten fast nicht mehr am Leben war. "Nicht einmal im Krieg hab' ich so etwas gesehen", entfuhr es einer alten Frau, die gerade auf der Straße vorbeiging, als das Baby abtransportiert wurde. "Der Kleine hätte die Nacht wahrscheinlich nicht überlebt", sagte der Arzt im Krankenhaus, der zum Erstaunen des Sozialarbeiterpaares nicht weiter erstaunt schien, weil Fälle wie dieser offenbar gang und gäbe sind. Das Kind wurde an den Tropf gehängt, ein paar Tage später konnte es abgeholt, nach Hause gebracht werden.

Doch wo ist zu Hause, wenn man keines hat? Die beiden Sozialarbeiter fackelten nicht lang. Wie es in Heimen aussieht, wussten sie, und deshalb erklärten sie sich bereit, Mutter und Kind so lange bei sich - nennen wir den Ort Findelingen - aufzunehmen, bis guter Rat gefunden, die Krätze kuriert und das Kleine wieder bei Kräften war. Drei Tage später fuhr Evelyn nach Wien - "Ich muss nur den Schlüssel zurückgeben und meine Sachen holen" - und ward in den kommenden fünf Jahren nicht mehr gesehen noch gehört.

Zurück blieben das kleine apathische Bündelchen Mensch, ohne Mutter, aber mit einer umfangreichen medizinischen Brei-und-Papperl-Ausstattung, die vom Krankenhaus angeordnet worden war, sowie die beiden fassungslosen Sozialhelfer, die ihrerseits eine Landwirtschaft, zwei eigene und fast ein Dutzend ebenfalls von ihren Eltern verlassene Pflegekinder zu versorgen hatten. Und der Kleine - nennen wir ihn Patrik - wollte sich trotz Pflege und Fütterung im Stundentakt nicht erholen, hatte Durchfall, erbrach sich, weinte nicht, schrie nicht, gedieh nicht, vegetierte. Das mittlerweile verzweifelte Ehepaar - nennen wir die beiden Herrn und Frau Wilhelm - begab sich mit Patrik wieder ins Spital, es wurde ein schwerer Salmonellenbefall sowie Scabies festgestellt, der Kleine in ein Einzelzimmer verfrachtet, an der Tür das Schild: "Zu mir darf niemand hinein! Höchste Ansteckungsgefahr!"

Und dort lag er dann wochenlang. Alles rundherum weiß in weiß, Milchglasfenster links, Milchglasfenster rechts, oben die Neonsonne Tag und Nacht, hin und wieder eine Infusion, eine Spritze, ein rasches Gewickeltwerden, ein Weiterhasten und dann wieder Stille und gedämpftes Kindergeschrei. In dieser wichtigen Zeit, in der Babys gehalten, gestreichelt, gestillt und in einem Meer von Liebe gebadet werden wollen, schwamm der kleine Bub in einem Ozean von Sterilität und Einsamkeit. Vater weg, Mutter abgehauen, Ärzte und Schwestern im Dauerstress. "Wir haben ihn täglich eine Stunde lang besucht", sagt Herr Wilhelm, "mit einem Fuß fühlst dich ja doch verantwortlich. Aber er war nicht unser Kind, und wir wollten ihn überhaupt nicht haben. Wir hatten genug andere Sorgen und genug andere Kinder." So nebenbei hatten sie eine Anzeige und Besuch von der Gesundheitspolizei am Hals, konnten den Sachverhalt aber glücklicherweise klären. Als Patrik sieben Wochen später entlassen wurde, nahmen die Wilhelms ihn trotzdem wieder zu sich, versuchten ihn aufzupäppeln, und wieder ein paar Wochen später kam die Krätze unerklärlicherweise am ganzen Leib zurück.

Die Milben, die normalerweise nur unter der Hautoberfläche zu Hause sind, hatten den kleinen Körper durchbohrt, waren gegen alle bekannten Mittel resistent geworden, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich im Gehirn festsetzen und ihr zerstörerisches Werk beginnen würden. Die Ärzte gaben den Buben auf. Herr Wilhelm nicht. Auf welch verschlungenen Wegen er den Arzt auftrieb, der noch dazu Apotheker war, erzählt er nicht, nur so viel: Der Mediziner war uralt, und er hatte seinerzeit gesehen, wie KZ-Insassen von Krätze befreit worden waren. "Dieses Mittel", sagte er zu den Wilhelms, "ist so stark, dass es mit Sicherheit wirken wird. Doch beim Schwächegrad dieses Kindes muss man davon ausgehen, dass Lungen- und Herzschäden zurückbleiben werden. Die Entscheidung, ob Sie dieses Risiko eingehen oder ein geistig behindertes Kind haben wollen, müssen Sie treffen."

Sie trafen sie, unter "Todesqualen", wie Wilhelm sagt: "Wenn das schief gegangen wäre, wäre ich im Häfn gelandet." Es ging aber nicht schief. Der Arzt-Apotheker rührte aus dem Gedächtnis die Paste an, zwei Tage lang wurde das Kind damit eingeschmiert und dann gebadet, eingeschmiert, gebadet, so lange, bis die Babyhaut rau, rot, fetzig war. Dann war Schluss mit der Krätze. Die nicht eingeweihten Spitalsärzte sprachen von einem Wunder. "Bei jeder Untersuchung", sagt Wilhelm, "haben wir so nebenbei gefragt: Und? Wie schaut's mit der Lunge aus, wie mit dem Herz?" Alles bestens. Patrik, damals bereits fünf Monate alt, war endlich gesund. Trotzdem blieb er ein seltsames, stilles und höchst introvertiertes Kind. "Der Wahnsinn begann erst, als er laufen konnte", erzählt Wilhelm, der schon viele kleine Kinder hat großwerden sehen: "Ab dem Moment war er ein Außerirdischer."

Der Überlebenswille, den der Kleine, allein gelassen und todkrank, bewiesen hatte, drückte sich nun in Motorik, ungewöhnlicher Wachheit und Sensibilität aus. "Dieses Kind war von Anfang an anders als alle anderen." Trotzdem blieb die Frage offen, was nun mit dem Buben zu geschehen habe. Der Familienrat entschied, dass die Freigabe zur Adoption die beste Lösung für den Kleinen sei. Ein Bauernpaar wurde vorstellig, auf die Frage, ob man Patrik zurückgeben könne, wenn sich in der Schule herausstelle, dass er "deppert" sei, antwortete Wilhelm mit einem Hinauswurf. Ebenso auf das Pärchen, das gerade neu gebaut und vorhatte, das Kind in einen abgegrenzten Bereich zu sperren, "damit er nix hinmacht". Irgendwann in einer der vielen schlaflosen Nächte, erzählt Wilhelm, habe er dann plötzlich gewusst, dass er den Buben gegen alle Widerstände behalten müsse, dass die Liebe, die er mittlerweile in sich spürte, dieses kleine Menschenleben vielleicht würde retten können: "Und dann mussten wir unser gesamtes Leben komplett um- und auf ihn einstellen." Patriks Macken und Eigenheiten würden ein Buch füllen: Er liebte die Hitze, konnte nur mit mindestens drei Tuchenten über sich einschlafen, er ertrug andererseits keine Begrenzungen, sein Bett musste zu einer voluminösen Kiste umgebaut werden. Patrik tastete die Welt auch mit dem Geruchssinn ab, jeder Gestank war ihm ein Gräuel und provozierte hysterische Auszucker. Plötzliche Erstickungsanfälle erklärte eine Psychologin damit, dass ihm seine Mutter wahrscheinlich den Mund zugehalten hatte, wenn er schrie. Diese Anfälle haben erst vor wenigen Monaten ganz aufgehört.

Mit drei Jahren kommt Patrik, mittlerweile ein hübsches, blondlockiges Bürschlein, in den Kindergarten, und zum großen Entzücken aller versteht er sich auf Anhieb prächtig mit der alten, resoluten Kindergärtnerin. Mit den Worten "Wos host denn du für an fesch'n Wuschelkopf?", hatte ihn die Tante Berta begrüßt. "Na und?", hatte er geantwortet, "Warum bist'n du so dick?" "Na prächtig, dann passma ja z'samm, du bist goschert, und i bin blad", lautete die Antwort, und eine wichtige Freundschaft begann. Irgendwann wird die Tante krank und von einer jüngeren abgelöst. Die Kinder müssen vor dem ersehnten Gartengehen parieren, ein paar stören, Patrik ruft sie energisch zur Ordnung, es wird still, dann sagt er zur neuen Tante: "So geht des, jetzt kömma gehn." Die Tante maßregelt ihn. Patrik zuckt aus, brüllt herum: "Du hast überhaupt nicht das Recht, hier anzuschaffen. Wenn die Tante Berta kommt und den Saustall da sieht, die vermischten Lego- und Duplosteine, den ruinierten Bauernhof, dann kriegt sie einen Herzinfarkt und stirbt."

Der Kindergarten ist damit so gut wie passée, und noch ein Unglück passiert: Der heiß geliebte Großvater stirbt. Einmal, als Patrik in seiner unmöglichsten Kleinkindertrotzzeit vom Papa eine auf die Finger bekommen hatte, war der sonst ruhige alte Mann aufgefahren, hatte Herrn Wilhelm beim Kragen genommen und gesagt: "Mach das nie wieder! Einen Teufel treibst aus, zehn andere lasst rein." Nach dem Tod des alten Mannes findet sich ein Brief. Darin die Beschreibung einer bitterarmen Kindheit, einer Jugend als Hüterbub, in der es der Sport der Bauernkinder war, die Schwächeren anzulullen und in Ställe zu sperren, das Manifest einer einsamen, furchterfüllten Kindheit und die Begründung einer Angst, die ein Leben lang lauert und nie loslässt.

"Der Bua do", hatte der Großvater zu Wilhelm gesagt und auf Patrik gedeutet, "der Bua do bin i." Kurz nach dem Tod des Großvaters erwischt Wilhelm den Buben dabei, wie er im Hof ein riesiges, schweres Stemmeisen in die Luft wirft: "Bist narrisch? Kannst dir ja den Schädel einhauen!" Warum er das tue. "Weißt, Papa, der Großvater ist im Himmel und mein Meerschweindl auch, und weil im Himmel Mauern sind zwischen den Menschen und den Viechern braucht doch der Opa ein Stemmeisen, damit's z'sammkommen können." Leben und Tod, Einsamkeit und Verlassenheit sind die Themen, die das Kind bis heute intensiv beschäftigen. Nach besonders schönen Erlebnissen, nach einem Urlaub oder nach einem Ausflug in den Wurstelprater weint er regelmäßig. Warum? fragen die Eltern. "Weil's so schön war, und weil wir das vielleicht nie wieder erleben werden." Mittlerweile geht Patrik in die erste Klasse, er lernt gut, ist leistungsstark - aber nur, wenn er will, er ist allgemein geachtet und auch beliebt - und er hat seine leibliche Mutter kennen gelernt.  Irgendwann beschlossen die Wilhelms, den Buben nun auch legal zum Sohn zu machen und zu adoptieren. Er war damals vier Jahre alt. "Wir hatten keine Geburtsurkunde und nix", sagt Wilhelm, "und weil ohne Unterschrift der Eltern normalerweise nirgends etwas zu organisieren ist, hab' ich mich überall so deppert gestellt, bis wir alle Urkunden, sogar einen Pass, gekriegt haben."

Das Kind war nirgendwo registriert, es war einfach vergessen worden, das Jugendamt in Wien hatte nie nachgeforscht. Wilhelm: "Mitten im Sozialstaat Österreich hat kein Mensch gewusst, wo das Kind ist." Nach mühseligen Ausforschungen in Zuhälterkreisen wird schließlich auch die leibliche Mutter Patriks gefunden, die, so wollen es die Wilhelms, ihr Kind noch einmal sehen und auch aktiv zur Adoption freigeben soll. Evelyne kommt nach Hause zu den Wilhelms, setzt sich still an den Tisch, an dem gerade zu Mittag gegessen wird. Zufälligerweise kommt sie direkt neben Patrik zu sitzen. Der löffelt seine Suppe, wird plötzlich starr, dreht den Kopf, schnüffelt am Ärmel der Frau, dreht völlig durch, wirft sich auf den Boden, brüllt: "Die Frau soll sofort verschwinden, die böse Frau soll nie wieder hierher kommen."  Zwei Jahre später hört der Bub, wie sich Mütter vor der Schule über ihn unterhalten: Der ist adoptiert. "Papa, i bin asphaltiert", fragt er zu Hause, "was heißt denn das?" Der Versuch einer Erklärung. Die Totalverweigerung des Kindes. "Wir sind dann Drachensteigen gegangen, plötzlich hat er wie ein Wahnsinniger angefangen in einem Maulwurfshügel zu graben."

"Papa, wenn ich nicht im Bauch von der Mama gewachsen bin, dann sag sofort, ich war in deinem." Am Abend zu Hause der Entschluss der Eltern, endgültig die Karten auf den Tisch zu legen. Patrik sitzt da, will von keinem berührt werden, sagt schließlich: "Gewusst hab' ich's schon, geglaubt hab' ich's nur nicht." Und: "Die Frau, wo ich im Bauch war, hat die was zu essen? Zum Anziehen? Hat sie eine Wohnung? Geht's ihr gut?" Patrik geht schlafen. In der Nacht steht er plötzlich bei den Eltern: "Papa, du hast mich angelogen. Du hast gesagt, es gibt einen lieben Gott. Aber den gibt's net, weil wenn es ihn gabat, dann würd er nicht erlauben, dass eine Frau ihr Kind herschenkt."

Holbein, Alphabetum Mortis

"In der Gefahr", sagt Wilhelm, "ist dieses Kind ein völlig erwachsener Mensch." Vor kurzem hat Evelyn, Patriks Mutter, nun ihr zweites Kind auf die Welt gebracht. Die Wilhelms haben sie gemeinsam mit Patrik besucht. Bei der Rückfahrt im Auto fragt der Bub: "Papa, meinst' hat die Frau das Kind da gern?" Freilich, so die Antwort, und der Bub nach einer Denkpause: "Ich glaub' auch, weil sie hat's eine Stund lang mit beiden Händen gehalten." In der Schule bereitet man sich auf das Osterfest vor, dazu gehört auch der uralte Brauch, Osterfeuer zu heizen, und die müssen natürlich vorher von den Kindern gemalt werden. Patriks Feuer - er ist musikalisch und bildnerisch hoch talentiert - lodert in Gelb, Orange, Rot, auch Blau über das gesamte Zeichenblatt. Der Lehrerin erklärt er das Bild: "Beim Feuer muss man ganz in der Mitte sein, weil da verbrennt man net. Ganz unten an den Kohlen z'reißt's da die Haut, und oben sind die Rauchgase, da derstickt ma."

Patrik hat gelernt, im Feuer zu leben. Die ersten Wochen und Monate seines kleinen, kostbaren Lebens haben sich ihm für immer wie glühende Kohlen eingeprägt, Ungerechtigkeit und Unfairness, das Gefühl, nicht geachtet, in der Würde verletzt und ungeliebt zu sein, sind die Rauchgase, die ihn gelegentlich noch stärker gefährden als seine robusteren, weil behütet aufgewachsenen Spielkollegen, die ihn aber nicht mehr aus der Bahn werfen. Wenn ihn irgendetwas gerettet hat, dann Liebe, Verständnis und eine raue, ehrliche Herzlichkeit. 

Die Familie Wilhelm ihrerseits hat in den vergangenen Jahren Dutzende Kinder in den verschiedensten Zuständen der Verwahrlosung aufgenommen und versorgt, hat wenige Wochen alte, vergrindete Säuglinge in Bananenkisten entgegengenommen, sich Geschichten über Missbrauch, Prügel und unsägliche Qual angehört und zu trösten versucht. In jeder einzelnen Volksschulklasse, so Patriks Lehrerin, sitzt mindestens ein missbrauchtes, unmenschlich behandeltes Kind. Unsere Scheinwelt des Intellekts deckt zu, was Menschen wie die Wilhelms ausgraben. "Wenn's nicht viele Leut gäbe, die Menschen sind", sagt Wilhelm, "wär das alles nicht auszuhalten."
Erschienen in "Der Standard"

Dieser Text ist schon einige Jahre alt und dennoch völlig zeitlos. Es hat sich überhaupt nichts geändert. Er wird auch in zwanzig Jahren noch aktuell sein, da wir bedauerlicherweise in einer Gesellschaft leben, die weitenteils aufgehört hat, wirklich gut auf ihre Kinder aufzupassen. Fälle wie dieser mögen krasse Spitzen darstellen. Seltenheit sind sie keine. Die Kinder haben aufgehört, ein erfreuliches Thema zu sein. Sie sind höchstens ein Hindernis, das irgendwo möglichst früh geparkt und dann von anderen ausgebildet werden muss. Wozu haben wir eigentlich welche?