Montaigne hat immer recht

31.01.2013, gepostet von Ute,
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Wenig Unwahrscheinlicheres gibt es als einen perfekten Garten - und die Gewissheit, dass das Ziel des Gärtners ein solcher nie sein kann, gibt uns Erdäpfelhäuflern, Rosenschnippslern und Kohlkopfgießern die Kraft für die Ewigkeit. Natürlich nicht für die ungewisse des Elysiums, sondern für die todsichere des Unkrautvernichtens bis zum seligen Ende. Oder - auch nicht. Dann lassen wir gelegentlich Gartenschere und Gartenkralle sinken, erheben uns aus der demütig dienenden Gärtnerhaltung, putzen die Erdbrösel von den Knien, waschen unsere Hände in der Unschuld des Müßigganges, schalten den Bewässerungscomputer ein und ziehen ein Buch hervor, um selbiges an schattigem Plätzchen, umgeben von den blumigen Produkten unserer Arbeit, zu lesen.

Zum Beispiel die Essays des Michel de Montaigne. Der nahm die Prozesse des Werdens und Vergehens gelassen - und drückte das zum Beispiel so aus: "Ich will wohl, dass man tätig sei, dass man die Pflichten des Lebens so weit ausdehne, wie man kann; und dass der Tod mich dabei antreffe, dass ich meinen Kohl pflanze - aber gleichgültig über seinen Zuspruch und noch mehr darüber, dass mein Garten nicht völlig in Ordnung ist." So wollen wir den bevorstehenden Frühling anlegen.

Grenze zwischen Wahn und Sinn

Wir brauchen keinen Zuspruch, von wem auch immer. Unser Garten ist in ewiger Unordnung, das wissen wir. Doch wen, wenn nicht uns selbst, mag es also scheren, dass die Quecke, diese unausrottbare Schabe der kultivierten Botanik, auch in unserem Gemüsegarten keineswegs ums Eck zu bringen ist? Wen, wenn nicht ausschließlich uns selbst, beunruhigen die immer noch nicht geschnittenen Weinranken, die nicht aufgebundenen Rosen, die nicht gekehrten Hofecken, die Unkrautmuster im Kies und all die anderen windlingumspielten Zonen vorübergehender Vernachlässigung? Eben. Und deshalb ist das Blödeste, was man mit seinem Garten anstellen kann, das ununterbrochene kleinkrämerische Betuttern desselben, weil man darüber keine Zeit mehr hat, um beispielsweise Montaigne zu lesen. Jeder passionierte Gärtner kennt diesen schmalen Grat, auf dem er über seine Scholle wandelt - eine feine Grenze zwischen Wahn und Sinn, die gezwungenermaßen stets in die eine oder die andere Richtung überschritten wird:

 

Da gibt es die Phasen manischen Unkrautrupfens und Rasentrimmens. Dann wird der Tag zu kurz, und irgendwie empfindet man es zwar selbst als absurd, bei Scheinwerferlicht Gundelrebe zu rupfen und meterlange Ausläufer dieses Peinigers zwischen den Stängeln formschönerer Gewächse herauszufädeln, aber Sucht und Eifer besiegen die Finsternis. Und wenn die Sonne wieder aufgeht, erblicken wir nicht das gundelrebenbefreite Beet, sondern bemerken den Giersch gleich nebenan - und des Wühlens ist kein Ende.

Montaigneschen Gelassenheit

Es gibt aber auch die anderen Phasen des Gärtnerdaseins, wenn die Lust aus-, der Rasen ungemäht, das Unkraut am Leben bleibt. Wenn man kraft- und machtlos am blühenden Windling vorbeischleicht, der demnächst Samen werfen und sich exponentiell vermehren wird. Aber egal. Leben und Garten sind auch in Unordnung schön, und die streberhafte Selbstversklavung als die zuweilen mächtigste Geißel zu erkennen, bedeutet den ersten Schritt zur Läuterung und hin zu einer angenehmen montaigneschen Gelassenheit. Man krame also einen Liegestuhl hervor und strecke alle Viere von sich. Weil, wie der alte Franzose sagte: "Das Meisterstück eines Menschen, auf das er besonders stolz sein kann, ist, sinnvoll zu leben; alles Übrige wie Regieren, Schätze-sammeln, Bauten-errichten sind Nebensachen." Und wer seinen Garten als Hort des Müßigganges nicht entsprechend ehrt, ist des Gärtnerns nicht wert.