Mister Rossi sucht das Glück

14.09.2012,
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Es gibt Lebenssituationen, die keinen Urlaub sondern eine Reise erfordern. Urlaub steht für Hotel, Transfer, vertraglich geregelte Hygienestandards von Badezimmermatten und Dinnerbesteck, für Smalltalk mit Tischnachbarn und gepflegte Sportaktivitäten – also für zwischenmenschliche Anstrengungen, denen wir nicht gewachsen waren. Wir befanden uns auf der Flucht vor übersteigertem Zivilisationslack, vor jenem hohen Niveau der Existenz, dessen Erhaltung ausschließlich durch turbokapitalistische Systeme direkt in resignative Erschöpfungszustände führt. In einem solchen befanden wir uns. Mit anderen Worten: Wir waren mürbegearbeitet, es gelüstete uns nach palmblätterraschelnder Stille. Vor nicht allzu vielen Jahren war es noch selbstverständlich gewesen, lange Phasen intensiver Werkestätigkeit durch zumindest drei, vierwöchige Nichtstuerei unterbrechen zu dürfen. Mittlerweile starren MBA-geschulte Personalchefs und andere urlaubsgenehmigende Instanzen mit genau dem Ekel auf solchermaßen ausgefüllte Urlaubsformulare, der anderen ins Gesicht geschrieben steht, wenn Herr Wolfowitz vom Unaussprechlichen zum Weltbankchef gemacht wird.

Nachdem wir also betriebsinterne Überzeugungsarbeit geleistet und um das Fortsetzendürfen unserer beruflichen Laufbahnen auch nach dieser unverschämt ausgedehnte Absenz von vier Wochen gebeten hatten, brachten wir gerade noch die Kraft zum Kauf eines Reiseführers auf und buchten drei Flugtickets nach San José - der zu Unrecht besungenen Hauptstadt Costa Ricas. Vielleicht beträllert die mir namentlich nicht geläufige Dame (oder ist es ein Herr?) ja den Weg in ein anderes Städtchen gleichen Titels, doch egal, wir landeten an einem mäßig beeindruckenden Ort, den wir sowieso schleunigst in Richtung Meer, Dschungel, Einsamkeit zu verlassen gedachten. Die Entscheidung, welches der beiden großen Gewässer aufzusuchen sei, mit denen das kleine Tropenland links und rechts gesegnet ist, trafen nicht wir, sondern die Wetterpropheten. Während zweier Tage ohnmächtigen Entspannens in einer netten, nach europäischen Standards aber mäßig luxuriösen Herberge in besagter Hauptstadt verhießen sie der Karibikküste zusätzliche Feuchtigkeiten von oben, der Pazifikseite dafür Himmelsbläue, und da der Kleinste unter uns erst Fünf und damit Schlechtwetter sowie Malariaprophylaxen gegenüber unduldsam war, begaben wir uns in Richtung Westen.

Auch die Entscheidung, mit welchem Transportmittel dort hin zu gelangen sei – wohin genau war selbstverständlich beglückend unklar,
schließlich waren wir nicht auf Urlaub sondern auf Reisen – passierte nicht durch uns, sondern durch den Taxifahrer. Wir hatten ihn lediglich gebeten, uns zum Busbahnhof zu bringen, doch schon auf dem Weg dorthin gewann er unsere Sympathie. Ob man rauchen dürfe, frugen wir ihn. Er betrachtete uns erfreut und nahm sofort eine Zigarette entgegen. Es war die erste von vielen, wir fuhren in einem den Schlaglöchern entsprechenden Tempo quer über das immer trockener werdende Land dem als noch untouristisch beschriebenen Gebiet der Halbinsel Nicoya zu. Die Taxikosten übertrafen die Buskosten nur unwesentlich, dafür erfuhren wir, dass es heuer besonders trocken sei, und dass die Nordküste vor allem von US-Touristen frequentiert werde. Wir erzwangen augenblicklich eine Versüdlichung des Kurses, und als nach ungefähr fünf Stunden Gerattere die Asphaltpiste in Sand überging, stiegen wir aus. Das Küstendorf Sámara ist erst seit wenigen Jahren auf befestigten Wegen zu erreichen, ein relaxter Surfbretttourismus setzt erste Spuren auf die schönen, noch schwach frequentierten Strände. Keine Hotels hier, dafür eine erkleckliche Anzahl von billigen, nicht sonderlich liebevoll gemachten Cabinas.

Der Sanddollar ist ein Seeigel, also ein Clypeasteroid, um genau zu sein.

Wir fuhren vorsichtshalber noch einen Strand weiter in das noch ruhigere Carrillo und nahmen ein Zimmer. Wir wussten, wir waren noch nicht angekommen, obwohl die Anzeichen immer günstiger wurden. Immerhin tackerten schon fette Hühner über Sandstraßen, jagten herrenlose Hunde reiterlose Pferde über den Strand. Kein Telefon, keine Bank, nur ein paar Häuser. Trotzdem zu viel Zivilisation. Lass uns flüchten, sagte ich. Der einzige Fahrer, der sich dazu bereit erklärte, uns durch den Dschungel noch weiter Richtung Süden zu karren, war jung und dynamisch. Er stellte seine Kräfte bereits nach einer halben Stunde unter Beweis, als wir das erste Mal in einem Flüsschen bis knapp unter die Radachse versanken. Seine Lederstiefel waren wasserdicht, sein Gelächter ansteckend, wir begannen uns wirklich wohl zu fühlen. Für knapp 20 Kilometer Dschungelpfad benötigten wir vier wundervolle, staubige, schlammige, abenteuerliche und ungeheuer durchhitzte Stunden. Als die Sonne sank, erreichten wir eine Bergspitze. Ein paar hundert Meter unter uns: Der Strand. 8 Kilometer lang. Eine Handvoll Häuschen, verstreut im Palmenhain. Wir waren angekommen. 

„Eigentlich sind wir voll“, sagte Brigitte, die mit ihrem Mann Helmut eine der beiden Pensionen in dieser Abgeschiedenheit betrieb: „Aber lasst mich nachdenken.“ Sie führte uns über ein Holztrepplein in den Raum über der Schank. Wir betraten kein Hotelzimmer, sondern ein Zuhause. Durch die Ritzen im Holzboden sahen wir Sand, durch die Fenster wuchsen die Mangofrüchte, vor dem Balkon türmten sich die Pazifikwellen fünf, sechs Meter hoch. „Übernächste Woche kommt Mister Rossi aus LA“, sagte Brigitte, „Dann müsst ihr leider raus.“ Wir verdrängten die Gedanken an Mister Rossi und begannen mit den Gezeiten zu leben. Die Tide-Pools bei den Klippen waren unsere Regenbogenfischplanschbecken bei Ebbe, die große Lagune unser Swimmingpool bei Flut. Wir sammelten Sanddollars und kleine Haifischzähne im Sand. Wir betrachteten die Vögel, die Krabben, die angeschwemmten Fische. Wir lagen abends in der schwarzen tropischen Sammetluft auf dem Balkon und tranken Rum, bis das Sternbild, dessen Namen wir nie errieten, vom Mangobaum bis zur Bananenstaude gewandert war.

Dann kam Mister Rossi. Wir räumten das Feld und bezogen eine der weniger luxuriösen Cabinas. Mister Rossi brachte seine dünne blonde Freundin mit, laute Musik und exotische Mixgetränke. Und obwohl Mister Rossi ein freundlicher junger Mann war, zerbrach er die Stille mit Geschichten aus seinem Leben als Musikproduzent in Kalifornien, mit dem Bett, das er für seine Freundin anliefern ließ, weil jenes in „unserem“ Zimmer ihren Vorstellungen nicht entsprach, und mit der Absichtserklärung, den ganzen Laden hier übernehmen und auf Vordermann bringen zu wollen.

Als Mister Rossi nach wenigen Tagen wieder in die USA zu seinen Geschäften zurückkehrte, legten wir die gesammelten Sanddollars nach Größe geordnet wieder auf dem Balkon auf, betrachteten das Meer, die Sterne, Ebbe, Flut. Irgendwann reisten wir ab. Das Hotelzimmer in San Jose, das uns vier Wochen zuvor so schäbig vorgekommen war, erschien uns jetzt wie die verschwenderischste Luxussuite des Ramada Inn. Badezimmermatten und heißes Wasser.

Zuhause erwarteten uns exakt ein dreiviertel Meter Schnee und die winterblasse Geschäftigkeit unserer Arbeitskollegen und Chefs.
Dann gewann Oscar Arias die Präsidentschaftswahl in Costa Rica, einer der schärfsten Befürworter des Freihandelsabkommens mit den USA. Wenig später kam ein Mail von Brigitte. Mister Rossi hat die Pension am Strand gekauft. Was uns bleibt, sind Sanddollars.