Landschaft mit Äpfeln

14.09.2015,
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Man kann eine Landschaft auf die unterschiedlichsten Arten bewohnen. Je nach Lebenslage und Lebensalter verändern sich die Benutzung und die Perspektiven, insbesondere der näheren, fußläufigen Umgebung, die man im Laufe der Zeit kennenlernt, die man langsam wieder verliert, möglicherweise später aber auch wieder zurückerobert.

Als Kind legt man dafür die Basis, und zwar ab dem Moment, in dem man die Sicherheit des heimatlichen Gartens Richtung Wald und Feld verlässt und beispielsweise unter für größere Menschen unpassierbar gewordene Dornstauden am Feldrain kriecht, wo man innen mit den zuvor heimlich entwendeten Gartenscheren älterer Verwandter kleine Dome ausschneiden und geheime Lager anlegen kann.

Man sitzt auch gerne unbemerkt in Baumkronen über Feldwegen, während unten ahnungslose Spaziergänger vorbeiwandeln. Und - großartig! - man taucht als kleiner Mensch problemlos in Ozeane von hohem Gras und in Kukuruzwälder ein wie in grüne Dämmerwelten und verschwindet in einem eigenen Reich. Wir versteckten uns als Kinder jedenfalls immer. Es ist wunderbar, einfach weg zu sein, sein eigener Herr in der haarsträubenden Gefahr von Wildnis, Auwäldern, Weiden und Getreidefeldern. Im Frühling isst man wilde Brunnenkresse, im Sommer Kirschen, im Herbst vorzugsweise Äpfel, wo sie von den Bäumen fallen.

Später erweitert man den Radius erst mittels Fahrrad und lernt die Mückenschwärme warmer Sommerabende kosten, und noch später mit dem Moped. Ersatzzündkerze und Drahtbürste sicherheitshalber unter dem Sitz und das lehrreiche Gefühl von Rollsplitt unter den Rädern. Der Duft von Gemisch und die beste aller Entschuldigungen, wenn man zu spät in die Schule kommt: Es war schon wieder ein Mopeddefekt, Fraufessor.Spätestens aber wenn man erwachsen im Auto sitzt, beginnt man die Landschaft wieder zu verlieren. Die Temperatur bleibt stets gleich und lau. Die Gerüche kommen nicht mehr von gemähtem Gras, nasser Erde, frisch aufgebrachtem Dung oder blühendem Flieder, sondern vom Duftbäumchen am Rückspiegel. Die Landschaft ist der Geschwindigkeit nicht gewachsen, sie steht, während man rast, man gönnt ihr keine Zeit, sodass alle Details verwischen.

 

Es sei denn, man hat über viele Jahre hinweg seine innige Beziehung zu den frei stehenden Apfelbäumen der Umgebung beibehalten, so wie die Nachbarin und ich. Dann betrachtet man diese prüfend im Vorübergehen genau so wie im Vorüberfahren bei jeder Geschwindigkeit und zu jeder Jahreszeit. Die Apfelbäume waren und sind Fixpunkte, genau beobachtet ab der Blütezeit bis zur Reifezeit. Wir kennen jeden einzelnen von ihnen im Umkreis von etwa drei Kilometern persönlich, weil wir der Meinung sind, dass kein gekaufter Supermarktapfel an die frisch geernteten, schrundigen Äpfel unserer Lieblingsapfelbäume heranreicht. Sie sind höchst unterschiedlich im Geschmack, je nach Sorte, versteht sich.

 

Wir können dabei jedoch von den wenigsten unserer teils bereits krummen, von niemandem gepflegten und beschnittenen Freunden sagen, um welche Sorte es sich handelt. Über die Jahre sind auch manche von ihnen umgeschnitten worden oder fielen einfach um, was stets mit Bedauern zur Kenntnis genommen wurde. Kaum ein junger Apfelbaum ist dazugekommen, weil die ländlichen Kultur-Sitten ganz offensichtlich verrohen. Doch das mag ein vorübergehender Missstand sein. Manch junger Bauer, manch intelligente, Bäume pflanzende Gemeinde gibt ja doch zur Hoffnung Anlass.

 

Heuer ist jedenfalls ein Apfeljahr, auch wenn die Früchte teilweise kleiner ausfallen als gewöhnlich, weil es so trocken war. Die Nachbarin und ich haben herausgefunden, dass in Jahren der Fülle und des rechtzeitigen Apfelverwertens nichts den Geschmack der unterschiedlichen Sorten so hervorhebt wie das einfache Apfelgelee. Irgendwie wird das Aroma darin intensiviert. Wir haben festgestellt, dass zwischen den Gelees so derartige Geschmacksunterschiede sind, dass man es kaum glauben kann. Das beste von allen bisher ausprobierten liefert der säuerliche Cox Orange, weshalb ähnlich herzhafte Sorten wie Gravensteiner, James Grieve oder Topaz in Sachen Apfelgelee den süßen und eher wenig aromatischen bis echt faden Sorten wie etwa Gala oder Golden Delicious haushoch vorzuziehen sind.

 

Die verkochten Äpfel stammen natürlich von unseren eigenen Bäumen. Die besitzerlosen Apfelbäume am Wegrand in der Umgebung dienen ja allen, Großen wie Kleinen. Da muss man sich schon damit begnügen, einen Apfel aufzuklauben, kurz alibihalber am Ärmel zu reiben und dann genüsslich reinzubeißen.

Apfelsorten. Davon gibt es weltweit an die 30.000, also dürften für jeden von uns ein paar dabei sein, die den Geschmack perfekt treffen. Ursprünglich stammt der Apfel übrigens aus Zentralasien.

Unterschiede. Die sind so gewaltig wie bei kaum einer anderen Frucht. Vom Strudel- über den Most- bis zum Tafelapfel, man darf es sich aussuchen.

Apfeljahr.
Fast alle Apfelsorten unterliegen der sogenannten Alternanz, das bedeutet, dass sie nur alle zwei Jahre kräftig tragen.