Hutblumen und Kakteen

15.09.2012, gepostet von Ute,
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Die Otti-Tant hatte nicht zwingend das, was man einen grünen Daumen zu nennen pflegt. Nein - sie mit einem solchen Attribut zu charakterisieren wäre niemandem in den Sinn gekommen, der ihr im Laufe ihres langen und wild durchwachsenen Lebens über den Weg lief. Die Biotope der Otti-Tant waren vielmehr die Kaffeehäuser und Cafés der Städte. Dort saß sie - ganz viel rauchend und ganz viel Kaffee trinkend, und irgendwie schien es, als erhole sie sich in der Stadt ein bisschen vom Land, von dem sie stammte und wo sie zeitlebens wohnte und dessen kargste Seiten sie vor Zeiten durchlebt hatte.

Fragte man sie gelegentlich, "Otti-Tant, wie war das denn damals so, mit der Goaß und den Hendln und dem Donnerbalken hinter dem Haus, mit dem Krautacker?", dann krächzte sie ein raues 40-Dames-pro-Tag-Lachen und rief: "Tausend Rosen!"


Das letzte Dschungelstück Mitteleuropas

Und ihr Garten, der einmal dieser Krautacker gewesen war, wurde im Laufe der Jahrzehnte dank vollkommener Ignoranz zu einer derartigen Wildnis, dass die Rehe und Hasen gerne darin Ruhe suchten, weil sich die im vergleichsweise gepflegten Wald der Umgebung nirgendwo so geschützt fühlten wie dort. Tatsächlich waren diese paar Hundert Quadratmeter Garten wahrscheinlich eines der letzten authentischen Dschungelstücke Mitteleuropas, weil ein halbes Jahrhundert lang niemand darin auch nur die geringste Hand angelegt hatte.

Aus diesem Grund mag es niemanden verwundern, dass die Otti-Tant eine jener Personen war, der man zu Jubiläumstagen und ähnlichen feierlichen Anlässen keine Lilienstöcke oder andere doch irgendwie ein bisschen zu pflegenden Blumen in den Arm drückte, sondern ihr sicherheitshalber, wenn überhaupt, Kakteen überreichte. Von denen hatte sie immerhin zwei Stück. Da die sommers in Töpfen neben dem Hauseingang standen und sowieso vom Himmelvater gegossen wurden, überlebten sie denn auch viele Jahre ohne jemals umgetopft, gedüngt oder sonst irgendwie behandelt worden zu sein. Das Lebensmotto der Otti-Tant war von jeher "Leben und leben lassen".

 

Lang lebe die Ottitant!


Den Winter verbrachten diese Kakteen, deren botanische Bezeichnung selbstverständlich längst dem Vergessen anheimgefallen war, im Erdkeller, in dessen kühler und milder Luftfeuchte seinerzeit schon Erdäpfel und in Sand eingeschlagene Rüben gut über die Runden gekommen waren. Als die Otti-Tant schließlich hochbetagt starb, gedachte man ihrer mit einer großen Wehmut, weil sie eben ein besonderes Exemplar einer alten Hutblume gewesen war, von der man - wenn schon nicht Gärtnerisches, so doch allerlei Lebensnahes hatte aufschnupfen können.


Ihr winziges Häuslein in der Wildnis stand lange leer. Drei Jahre lang. Dann wurde es entrümpelt, und als man mit Taschenlampen in den Erdkeller vordrang, standen da die beiden Töpfe mit den Resten der Kakteen. Schneeweiß waren sie in der absoluten Finsternis geworden, schrumpelige vielarmige Würzchen. Aber diese stacheligen Mumien schienen doch irgendwie noch lebendig, und aus Gründen der Pietät und der Barmherzigkeit wurden sie sicherheitshalber zum wahrscheinlich ersten Mal in ihrer Existenz umgetopft und in Etappen wieder an das Tageslicht gewöhnt.

Tausend Rosen

Die kläglichen Kreaturen zeigten sich tatsächlich rasch wieder fetter, grüner, ansehnlicher. Sie erwachten gewissermaßen, ohne lang zu fackeln, aus einem todesähnlichen langjährigen Schlaf - und dann begannen sie über Nacht zu blühen. Über und über. Sie begrüßten ihre neugewonnene Existenz mit dutzenden leuchtend orangen Sternen mit zierlichen weißen Staubfäden in der Mitte. Sie blühten, als ob es die mageren Jahre nie gegeben hätte. Weil das Leben jetzt ist, und die fetten Zeiten, wenn man sie erleben darf, gefeiert werden müssen. Unbedingt. Die Otti-Tant hätte bei ihrem Anblick unter Garantie sofort wieder krächzend aufgelacht und geschrien: "Ich sag's ja! Tausend Rosen!" 
Aus "Menschen sind auch nur Gärtner"