Harmonien und Dissonanzen in Beton

05.05.2018,
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„SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!“ lautet der bewusst provokante Titel einer Ausstellung, die kommenden Mittwoch im Architekturzentrum Wien eröffnet und dazu auffordert, eine bestimmte Epoche der Architektur genauer zu betrachten, neu zu bewerten und möglicherweise ins Herz zu schließen. Die im Fokus stehenden Gebäude sind durchwegs mächtige Gebilde mit gewaltigen Kubaturen und rauen, nackten Oberflächen. Sie stammen aus den 1950-er bis 1970-er Jahren und sind allesamt aus einem Material geformt, das von den einen geliebt, den anderen gehasst wird, das jedoch abseits jeder „Ismen“ und architektonischen Epochenlehren eine der wichtigsten und interessantesten Erfindungen der Menschheitsgeschichte darstellt: Beton.


Architektur, behauptete der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling 1802 in seinen Vorlesungen, sei nichts anderes als „gefrorene Musik“. So wie Kompositionen aus Tönen bestehen, so komponiert auch die Architektur, doch eben mit Materialien und Formen. Die Zutaten bleiben dieselben, und da wie dort kommt es allein darauf an, was man daraus macht: Wohltönendes oder Geklimper.


Dem Beton schreibt man landläufig eher die Dissonanz zu. Er ist ein abschätzig betrachtetes Baumaterial, was jedoch ein grobes Vorurteil darstellt, weshalb die Ausstellung zum Anlass genommen werden darf, das Image des in Form gegossenen Kunststeins ins rechte Licht zu rücken.


Doch erst zur Geschichte der gebrannten, vermahlenen und schließlich mit Wasser zu aushärtendem Mörtel verarbeiteten Mineralien und Gesteine – das Grundprinzip jedes Betons. Die datiert tatsächlich zurück bis in das siebente Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. In dieser Zeit entdeckten die Beduinen des Grenzgebiets zwischen dem heutigen Syrien und Jordanien, dass sich gewisse, mit etwas Wasser vermengte Kalke hervorragend dazu eigneten, Oberflächen zu härten und zu versiegeln. Sie kleideten mit dem neuartigen Material etwa Zisternen aus und verwendeten es auch für Böden und Putze.


Ab 600 v. Chr. mischten griechische Konstrukteure vermahlenen Puzzolan zum Kalk, was die Härte des noch primitiven Betons erhöhte. Doch erst die technisch hochversierten Römer begannen die Möglichkeiten des Materials tatsächlich auszuschöpfen. Das erste „Betonmonster“ der Menschheitsgeschichte befindet sich denn auch in der Ewigen Stadt Rom. Das Pantheon ist die bis heute größte je gebaute, nicht mit Stahl verstärkte Betonkuppel, von 16 mächtigen Betonpfeilern getragen, ein raffiniertes, knapp 2000 Jahre altes Wunderwerk früher Ingenieurskunst.

 

Nach dem Zerfall des Römischen Imperiums geriet die Kunst des Betonierens erstaunlicher Weise in Vergessenheit und lebte erst wieder auf, als die Bücherjäger der heraufdämmernden Renaissance in klösterlichen Bibliotheken antike Schriften ausgruben, in denen der Prozess und die Rezepturen des Mineralienmischens erklärt wurde. 1793 erfand schließlich der Brite John Smeaton eine Art wasserfesten Mörtel, der als erste Form des modernen Zements betrachtet werden kann.

 

Als ab dem späten 19. Jahrhundert schließlich der mit Stahl verstärkte Beton in der Baukunst Einzug hielt, begann die Angelegenheit symphonische Dimensionen anzunehmen. Beton übernimmt die Druck-, Stahl die Zugkräfte in der Konstruktion – eine geniale Ergänzung. Gemeinsam bilden sie einen architektonischen Akkord, aus dem sich vormals ungeahnte Möglichkeiten der Formgebung komponieren ließen.

 

Als erste Hoch-Zeit der Betonarchitektur kann die Moderne betrachtet werden. Architekten wie Frank Lloyd Wright, Peter Behrens, Ludwig Mies van der Rohe, um nur ein paar zu nennen, reizten die Möglichkeiten des Stahlbetons bereits mächtig aus. Doch keiner ging damit gewagter und ungenierter um als Edouard Jeanneret, bekannt geworden unter dem Namen Le Corbusier.

 

Seine 1952 fertiggestellte Mega-Siedlung Unité d´Habitation in Marseille gilt heute als erstes brutalistisches Gebäude, wobei die Übergänge zwischen Moderne, Brutalismus und anderen Ismen naturgemäß verschwimmen. Dennoch kann Le Corbusier getrost als wesentlichster Ahnherr der nackten, rohen Betonmonster und damit des sogenannten Brutalismus herangezogen werden. Seine wie Skulpturen in die Stadträume gestellten Architekturen beeinflussten jedenfalls die Architekturszene weltweit, wie beispielsweise die wesentlich leichtfüßigere lateinamerikanische Betonmoderne.

 

Als sich etwa die junge, aufstrebende Republik Brasilien ein neues, zeitgemäßes Architekturgesicht verpassen wollte, flog man kurzerhand zum Zwecke der Inspiration und der Verankerung in der Bewegung der internationalen Moderne niemand Geringeren als Le Corbusier ein. Der schwebte mit der Graf Zeppelin über den Atlantik, blieb ein paar wohlgelaunte Wochen in Rio de Janeiro und hinterließ neben zwei mit jungen brasilianischen Architekten gemeinsam erarbeiteten Entwürfen das Gefühl einer Aufbruchsstimmung in eine verheißungsvolle Epoche neuer Architektur. 


Unter der Leitung Oscar Niemeyers, wenig später als Erbauer Brasílias und als einer der Paradebetonierer in die Architekturgeschichte eingegangen, modifizierten die jungen brasilianischen Planer einen dieser Vorschläge und gossen das Manifest dafür in Beton. Die im 1943 fertig gestellten Ministeriumsgebäude Palácio Capanema vorgetanzte Symbiose von Architektur, Kunst und städtebaulicher Einbettung nahm im Kleinen die Eleganz Brasílias vorweg. 

Ein hierzulande weniger bekannter Meister des Beton brut, des nackten Betons, war auch der mexikanisch-spanische Architekt Félix Candela, verantwortlich für hauchzarte, doch verwegen hoch aufragende und elegant geschwungene Betonschalenkonstruktionen. Im Gegensatz zu den mit schweren Kubaturen klotzenden brutalistischen Kollegen reizte Candela das Material ab den 1950er Jahren bis zum Anschlag aus und konstruierte die feinsten vorstellbaren Schalen, wie sie etwa anhand eines seiner Hauptwerke, der Kirche „La Millagrosa“ in Mexiko City zu bewundern sind.

 

Hier wurde der Beton zu lediglich vier Zentimeter dünnen, hoch aufragenden Schirmen und windschiefen Flächen geformt, was einen Sakralraum von atemberaubender Leichtigkeit ergab. Doch eben dieses Schwebende, Kurvige und Zarte der lateinamerikanischen Betonarchitekturen hat nur in tropischem Klima Bestand. Wo Frost und Eis am Gebäude nagen, können die Zarten unter den Betonbauten nicht von Dauer sein. Außerdem brauchen Häuser in kalten Regionen logischerweise Wärmedämmungen und andere Witterungsmaßnahmen. 

 

Die in der SOS Brutalismus-Schau gezeigten Beispiele stammen denn auch großteils aus klimatisch weniger freundlichen Klimazonen und entbehren dieser Leichtigkeit. Einer der Vorwürfe, die dem Brutalismus entgegengebracht wird, ist das angeblich wenig ansehnliche Altern der nackten Betons. Dieses mag Geschmacksache sein. Fest steht jedoch, dass zeitgenössische Architekten wie der Japaner Tadao Ando eben dieser Nacktheit durch präziseste Ver- und Nachbearbeitung wieder ganz neue Dimensionen entlocken, etwa wenn Ando den filigranen Abdruck von auf die Betonschalung kaschierten Blättern auf betongegossenen Wänden verewigt.

 

Seit der Epoche des Brutalismus hat sich die Technologie der Zemente, der Bindemittel und der Zuschläge des Betons gewaltig weiterentwickelt. Er wird heute mit Fiberglas und widerstandsfähigen Geweben verstärkt, zu den wildesten ornamentalen Oberflächen vergossen, mit gläsernen Einsprengseln halb durchscheinend gemacht. Er wird mit Hochdruckstrahl oberflächenbehandelt und mit mineralischen Pigmenten gefärbt. Er wird, wie im Falle der Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde von Herzog de Meuron, mit Fotografien ornamental bedruckt. Kurzum, er bietet auch für die Zukunft ein weites Feld für Experiment und Innovation.

 

Der Brutalismus, ob geliebt oder nicht, war eine wichtige Etappe in der Kompositionsgeschichte der Betonarchitektur. Möglicherweise entstand nicht immer Wohltönendes, sondern auch einiges an Geklimpere, doch viele dieser Objekte sind zu Unrecht in Verruf, und eben das will diese Ausstellung dankenswerterweise relativieren.

Erschienen in der Presse

SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!
#SOSBRUTALISM - Screenshot Website
Ausstellung

So wie der Jugendstil, die klassische Moderne und andere heute hymnisch besungene Architekturströmungen erst nach Jahrzehnten tatsächlich wertgeschätzt wurden, schwappt der rohen Betonarchitektur des Brutalismus ebenfalls erst seit einigen wenigen Jahren quasi posthum eine Welle der Sympathie entgegen. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass viele - und leider nicht immer die schlechtesten - Gebäude dieser Zeit bereits abgerissen wurden oder vom Abriss akut bedroht sind.


Aus diesem Grund wurde vor wenigen Jahren die Online-Initiative #SOSBrutalism (www.SOSBrutalism.org) gegründet, eine digitale Datenbank, die mittlerweile über 1000 Projekte rund um den Globus in Bild und mit kurzer Information versehen versammelt. Oliver Elser, dem Kurator des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, ist es zu verdanken, dass die „Betonmonster“ im Vorjahr erstmals in eine umfassende Ausstellung gefasst und entsprechend gewürdigt wurden.


Im Architekturzentrum Wien ist ab Mittwoch kommender Woche diese „weltweit erste globale Zusammenschau brutalistischer Bauten“ zu sehen, alle entstanden zwischen den Jahren 1953 und 1979. Verantwortlich für den großzügigen Österreich-Schwerpunkt, der die Ausstellung erweitert und geographisch auch hierzulande verankert, ist Sonja Pisarik. 


Unter den wichtigsten heimischen Vertretern des Brutalismus finden sich Gebäude von Günther Domenig und Eilfried Huth, Norbert Heltschl, Karl Schwanzer, der Werkgruppe Graz, Herwig Udo Graf, Fritz Wotruba und Gerhard Garstenauer, dessen Kongresszentrum in Bad Gastein ebenso akut vom Abriss bedroht ist wie das Kulturzentrum Mattersburg von Herwig Udo Graf. Karl Schwanzers Internatsturm in St. Pölten wurde bereits zu Beginn der 200er Jahre geschleift und lebt nur noch in Plänen, Fotos und Reminiszenzen fort.


Der Begriff Brutalismus stammt ursprünglich vom schwedischen Architekten Hans Asplund, der 1949 eine Villa in Uppsala mit dem Prädikat versah. Britische Architekten auf Schweden-Exkursion übernahmen den Ausdruck und pflegten ihn weiter. Ins öffentliche Bewusstsein brachte ihn schließlich der englische Architekturhistoriker Reyner Banham, als er ein 1966 erschienenes Buch zum Thema mit „The New Brutalism: Ethic or Aesthetic?“ betitelte.


Interessant, dass die erste gründliche Abhandlung über das Phänomen des „béton brut“, des rohen Betons, bereits damals mit einem Fragezeichen versehen war, so als ob sich die Architekturgeschichte erst darüber sicher werden müsse, ob diese Strömung begrüßenswert oder doch eher mit Skepsis zu betrachten sei. Wie auch immer – der Brutalismus hat, wie jede andere Architekturepoche davor und danach, wundervolle und grauenhafte Gebäude hervorgebracht. 


Sich der Mühe zu unterziehen, diesen teils sensationellen Projekte nicht nur mit Vorurteil, sondern mit Interesse und Aufgeschlossenheit zu begegnen, eingebettet in die Architektur- und Kulturgeschichte lohnt in jedem Fall. Wann, wenn nicht jetzt bietet sich die perfekte Gelegenheit dazu.

Azw, bis 6.8.18