Es wird ein bisschen was überbleiben.

10.08.2012, gepostet von Ute Woltron,
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Ohne Zuversicht braucht der Mensch erst gar nicht zu Schaufel, Krampen, Blumentopf greifen. Ohne Zuversicht wächst nichts. Deshalb arbeiten wir hart daran, sie niemals zu verlieren.

In einer irrsinnigen Welt vernünftig sein zu wollen, ist schon wieder ein Irrsinn für sich, sprach Voltaire. Doch was, wenn nicht die Zuversicht, rettet uns im Trubel des Zeitenlaufs. Nie sollst du sie verlieren, lautet denn auch eines der ungezählten Gebote aller Gärtner, und alljährlich halten wir uns mit bewundernswerter Tapferkeit daran. Auch heuer wieder. Von Beginn an. Denn Gärtner sind Profis der Zuversicht, das ist das einzig Vernünftige in einer irren Welt.

Als im Jänner der Winter einen Frost über die vom Schnee unbedeckten Lande breitete, wie er seit Jahren nicht mehr war, so betrachteten wir das nur als erste läppische Prüfung, als Hürde, die man gewissermaßen vom Wohnzimmer aus nehmen konnte. In der wohligen Wärme unserer Heime blieben wir betont optimistisch. Mit starrem Blick auf die vereisten Rosen draußen sagte die Nachbarin:

„Es wird schon ein bisschen was überbleiben.“

Aber ja, sprachen wir anderen, irgendetwas bleibt immer über, und daran werden wir uns erfreuen.

Der Frühling kam früh, zu früh, und mit ihm eine erste prachtvoll sonnige Zeit. Die Rosen, zumindest die meisten von ihnen, schienen Eiseskälte und Trockenheit gemeistert zu haben. Sie trieben tatsächlich wieder aus, um wenig später von einem unvermeidlichen, völlig natürlichen Nachtfrost hinweggerafft zu werden. Die Nachbarin biss die Zähne zusammen. Jetzt nur kein Pessimismus, beschworen wir sie, so etwas kann immer passieren, und meistens überleben die guten Pflanzen ja trotzdem. „Gut“, sprach sie, „Ihr habt recht. Es wird schon ein bisschen was überbleiben.“

Wir schnitten die erfrorenen Triebe ab, nahmen von manch endgültig verröchelter Rose in stillen Trauermomenten Abschied und warfen sie, neben all den anderen Opfern des Winters, auf den Komposthaufen, auf dass aus ihrem Humus Neues sprieße. Die Nachbarin wirkte in dieser Phase blass und gefasst, und als sie bemerkte, der Frost habe sich überaus günstig auf die Nacktschneckenpopulationen der Region ausgewirkt, weil die nämlich so gut wie verschwunden seien, wussten wir, dass sie noch auf dem Pfad der Zuversicht wandelte.


Links und rechts begannen die Gurken und die Fisolen zu sprießen, es gediehen die Paradeiser, die Radieschen und die Kohlrabi. Als die Kirschen blühten, sanken die Temperaturen abermals gegen Null, Schneeregen kam über die Lande, die Bienen blieben in ihren Stöcken, die Gurken wurden gelb und blässlich: Ein untrügliches Zeichen schwerer Kränkung und unvermeidlichen Unterganges. Wir begruben sie und pflanzten neue. Egal, ermunterten wir uns gegenseitig, die Marillen sind zwar erfroren, doch von den Kirschen wird schon ein bisschen was überbleiben. Außerdem erwartet uns nun die Zeit des Frühsommers mit seinen üppigen Blumengaben.

Er kam und es wurde heiß. Zu heiß. Der Regen blieb aus. Die Nachbarin begann schwere Bottiche durch den Garten zu schleppen und komplizierte Schlauchlogistiken zu ersinnen, um flächendeckendes Gießen in Zeiten vorsommerlicher Dürre zu gewährleisten. Die Temperaturen im Glashaus stiegen auf an die 50 Grad, die schnell gewachsenen, noch jungen Tomatenpflanzen begannen Schwächesymptome zu zeigen. Da müssen sie durch, sagte die Nachbarin, zum Glück verfügen wir über Zisternen und Quellwasser. Es wird schon ein bisschen was überbleiben.

Als das unvermeidliche Donnergrollen über den Bergen das Ende der Affenhitze ankündigte, eilte sie augenblicklich in den Keller, um Wäsche zu waschen, die Marmeladegläser des Vorjahres abzustauben und anderen Zerstreuungen wie dem Studium vergilbter Fotoalben nachzugehen. Jetzt nur nicht die Zuversicht verlieren, aber muss man wirklich dabei zuschauen, wie Sturm und Hagel das Werk vernichten? So wie in den vergangen fünf Jahren?

Die gelb geränderten Hagelwolken sausten stichgerade auf uns zu, schlugen dann launisch einen Haken und entluden sich in wenigen Kilometern Entfernung. Dort lagen die Schloßen dezimeterhoch, die armen Leute mussten ihre Einfahrten und die Kanalzuläufe mit Schneeschaufeln freilegen, die Gärten waren Matsch. Und trotzdem sagte man: So ist das eben, das Leben geht weiter, ein bisschen was ist immer noch übergeblieben.


In der besten aller Welten kommt Voltaires geprügelter Candide zum vermeintlich simplen Schluss, „wir müssen unsern Garten bestellen“. Das tun wir. In der besten aller Welten ist heuer aus unerfindlichen Gründen eine Ribiselrekordernte, also stopfen wir in den Arbeitspausen genüsslich Ribiselschnitten in uns hinein. So wartet aber doch auf die Nachbarin! Ach wo, die kommt schon noch rechtzeitig. Es ist immer noch ein bisschen was übergeblieben.

Erschienen in "Die Presse"