Ein Sommer, der bleibt

02.07.2016,
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Ferienbeginn. Ganz selten nur gelingt es, alle Arbeit erledigt zu wissen, und solchermaßen in einen langen, herrlichen Sommer zu gleiten. Wie sich ein Kindersommer am Land kurz nach dem Krieg anfühlte, erzählt ein Hörbuch gleichen Titels.

Zu Beginn der glorreichen Phase, die man Sommerferien nennt, liegt der Garten in einem Zustand vor mir, um den mich Pedanten ein bisschen beneiden dürften: Es gibt zurzeit praktisch nichts in ihm zu tun. Was für ein Ausnahmezustand!


In den Staudenbeeten blüht es abwechslungsreich und unkrautbefreit vor sich hin. Die wenigen zwischen den Blumen verbliebenen Grasflächen sind geschnitten und samtweich. Die Sträucher sind gezähmt und in Form gebracht. Die bereits im Frühling auf dem Fensterbrett vorgezogenen Gurken, Paradeiser, Inkabeeren und Chilis, um nur eine kleine Auswahl zu erwähnen, tragen bereits erste Früchte.


Es steht ausnahmsweise kein Gerümpel in der Gegend herum, wie Leitern, Kübel, Töpfe, Krampen, Körbe voll mit abgeschnittenem Zeug, das eigentlich längst hätte gehäckselt werden sollen. Alle Topfpflanzen haben neue Erde bekommen und räkeln sich in der Sonne. Die Lilien und Dahlien sind aufgebunden. Der Hühnerstall ist wie geleckt. Die Gartenhütten gleichen in ihrer ungewöhnlich aufgeräumten Sauberkeit – fast – Operationssälen. Sogar der Rasenmäher ist geölt, frisch gewetzt. Traumhaft.


Momente wie dieser sind so flüchtig wie Feuerzeugbenzin in der Juli-Mittagssonne. Sie halten eigentlich nur ein paar Stunden. Ich persönlich erlebe sie höchstens alle paar Jahre. Der Anrand hingegen, um sie zu erreichen, dauert Monate. Aber das tut nichts zu Sache. Sie sind eine entzückende Seltenheit, fast nur etwas wie eine Hypothese, so wie die von Albert Einstein in der Relativitätstheorie vorhergesagten Gravitationswellen verschmelzender Schwarzer Löcher, die erst nur eine Idee waren, doch gerade eben, hundert Jahre später, tatsächlich nachgewiesen wurden.


Es geht also. Es funktioniert. Die Nulllinie, der Augenblick, in dem alles erledigt ist, ist erreichbar. Der lang gehegte Plan, die Sommerferien in zumindest privater Faulheit und geordneter Zufriedenheit in einem von vorne bis hinten durchgearbeiteten Garten beginnen zu dürfen, ist aufgegangen.

„Man muss es ständig im Auge behalten, dass man nicht nur Staatsbürger und Arbeitnehmer und Steuerzahler und was auch immer noch ist, Fahrzeughalter und Führerscheininhaber, sondern dass man ein Lebewesen ist, das für sich selbst auf der Welt ist.“ Oh ja.

Überhaupt: Sommerferien – um wie vieles beglückender und bedeutungsvoller klingt das als „Urlaub“. Unverplante Zeit ohne Hetzerei. Unendliche Möglichkeiten. Das Wort duftet nach nasser Erde, nach Regen und frisch gedroschenem Korn. Es klingt wie das Getriller von Feldlerchen und das Plappern kleiner Bächlein mit Huflattichblättern am Rand. Es fühlt sich an wie das schiere, träge Glück. Wie Sonnenstrahlen auf nackiger Haut, wie kaltes Wasser, in das man kreischend springen darf, wie lange, warme Abende, verbracht mit guten Freunden.


Mögen diese langen Sommerferien bitte niemals irgendwelchen pädagogischen Irren zum Opfer fallen. Mögen sie um Himmels Willen den Kindern als eines der köstlichsten aller Geschenke erhalten bleiben. Die ewig langen Sommer verschwinden später im Erwachsenendasein ohnehin schnell genug.


Die möglicherweise berührendste Schilderung der Gefühlslage eines Kindes in diesen heißen Phasen ungekämmter Freiheit stammt vom 1943 geborenen, 2013 verstorbenen Schriftsteller Peter Kurzeck. Er hat sie nicht niedergeschrieben, sondern bewundernswert präzise und frei formuliert in ein Mikrofon gesprochen. Unter dem Titel „Ein Sommer, der bleibt“, sind seine Erinnerungen an das kleine Dorf Staufenberg im deutschen Landkreis Gießen bereits 2007 als Hörbuch erschienen. Doch die Beschreibungen des Gefühls von trockenem Sand unter den Fußsohlen, von langen Tagen am Fluss, vom schönsten Hahn des Dorfes und den unterschiedlichen Schwarz-Grau-Tönen nasser Schieferdächer im Sommerregen bleiben zeitlos.


Wer’s noch nicht gehört hat: Gönnen Sie sich einen Ausflug in die Seele eines kleinen Buben, der 1946 das böhmische Tachau verlassen musste und als einer von rund 600 Flüchtlingen in einer 1.000-Seelen-Gemeinde Zuflucht fand. Kurzeck webt in seine Erzählungen jedoch auch die Veränderungen ein, die das Wirtschaftswunder mit sich brachte, die sich wandelnde Landschaft, die Reduktion der üblichen 16-Stunden-Schichten der Erwachsenen, während derer die Kinder sich selbst überlassen waren, und andere zivilisatorische Errungenschaften, die jedoch auch eine nicht immer erbauliche Beschleunigung des Lebens bewirkten. „Man muss es ständig im Auge behalten“, sagt er, „dass man nicht nur Staatsbürger und Arbeitnehmer und Steuerzahler und was auch immer noch ist, Fahrzeughalter und Führerscheininhaber, sondern dass man ein Lebewesen ist, das für sich selbst auf der Welt ist.“ Oh ja.


Als ich zuletzt, es war vor einigen Jahren, den Nullpunkt des Alles-Erledigt-Habens erreicht hatte, saß ich zufrieden mit erdigen Händen im Garten. Ganz kurz nur. Über den Schneeberg zogen schwarzgelbe Wolken heran. Eine Stunde später hatte das Hagelunwetter sein Werk verrichtet. Deshalb: Freut euch an allem. Immer. 

Erschienen in der Presse

 

Mögen diese langen Sommerferien bitte niemals irgendwelchen pädagogischen Irren zum Opfer fallen. Mögen sie um Himmels Willen den Kindern als eines der köstlichsten aller Geschenke erhalten bleiben.

Einer, der erzählen kann
Peter Kurzeck

Peter Kurzeck. 1946 wurde Kurzecks Familie aus dem Sudentenland vertrieben. Seine Jugend verbrachte der vielfach ausgezeichnete und mit Preisen bedachte Schriftsteller, der eigentlich Maler werden wollte, im Dorf Staufenberg bei Gießen.

 

Ein Sommer, der bleibt. Das ebenfalls preisgekrönte und hoch gelobte Hörbuch aus dem Jahr 2007, erschienen im Verlag supposé, ist als Download oder als CD-Box erhältlich. 290 Minuten klugen Erzählens stehen Ihnen bevor.

 

Perfektion. Die gibt es natürlich im Garten nicht, doch eine vorübergehende Annäherung zählt zu den großen Befriedigungen der Gärtnerseele. Pflücken Sie sich einen großen Blumenstrauß zur Belohnung.