Die wahre Fassade des Hauses ist der Himmel

30.08.2012,
  • /
  • schreibt


Wenn der Jacarandábaum blüht, dann ist das ein üppiges Rauschen und Duften, ein Farbwirbeln vor tropischem Himmelblau, dann regnet es für kurze Zeit rosalila auf den staubigen Erdboden, wo die Menschen sind.

Als der mexikanische Architekt Luis Barragán schon sehr alt war, lebte er zurückgezogen, fromm, still. Er hatte irgendwann sein Architekturbüro zugesperrt und den Herrgott einen guten Mann sein lassen.

In diese Ruhe und Abgeschiedenheit polterte eines Tages der virile Lebensgeist eines jugendlichen Landsmannes. Er stöberte den betagten Architekten auf und zerrte ihn zu einem kleinen, unscheinbaren Grundstück nicht weit von seinem Atelier in Mexico-City. Dort, auf gerade einmal dreißig mal zehn Metern, meinte Francisco Gilardi, solle Barragán ein Haus für ihn bauen, denn keinen anderen Baumeister verehre er so sehr wie ihn.

Der alte Mann war von diesem Angebot erst wenig angetan. Doch genau in der Mitte des kleinen Flecks wuchs wunderschön eine alte Jacarandá. Die gewann.

Unter der Auflage, dass das prächtige Gewächs erhalten bleibe, komponierte Luis Barragán sein allerletztes Haus rund um diesen Baum. Er dirigierte noch einmal Licht und Materie zu einem klaren und feierlichen Wohlgesang auf die Schönheit, das Leben und den Tod, und mittendrinnen ließ er die Jacarandá ihre Blüten herniederrieseln auf poliertes, schwarzes Lavagestein, wo sie alljährlich sozusagen in Schönheit und Würde starben.

"Ohne Sehnsucht nach Gott", hatte der streng katholische alte Mann acht Jahre vor seinem Tod in der berühmten Ansprache anlässlich der Pritzker-Preisübergabe im Jahr 1980 gesagt, "wäre unser Planet eine bedauerliche Wüstenei an Hässlichkeit", und, "der Schönheit beraubt, ist das menschliche Leben nicht wert, als solches bezeichnet zu werden."

Barragáns Architekturen - meist Wohnhäuser und Villen, aber auch Gärten, Stadtanlagen, Friedhöfe - sind von einer nachgerade weihevollen Schönheit. Vor allem seine späten Arbeiten sind grandiose Spektakel komponierter Schlichtheit. Die Farbinszenierungen in Blau, Grün, Ocker, Rosa sind unvergleichlich, doch geben sie tatsächlich einer raffiniert gesponnenen Architektur lediglich den letzten unterstützenden Anstrich.

Selbst wenn man mit geschlossenen Augen eines dieser Häuser durchwandelt, kann man die Aura des Gebäudes und die Absichten des Architekten deutlich spüren: den Wechsel zwischen Tropensonne und Schatten, zwischen der Hitze der Freiflächen und der lauen Luft der Patios, die stumme Kühle innerhalb des Hauses, eingefangen und bewahrt von dicken Mauern, das Wassermurmeln, der Blumenduft. Andächtig wird man hier, und gläubig. "In meinen Brunnen singt die Stille", hatte der Architekturpriester gesagt, "in meinen Häusern murmelt sie."

In diesen Häusern des Luis Barragán feiern die traditionellen Bauweisen Lateinamerikas und die Architektur der Moderne Hochzeit. Hier mischt sich Lokalkolorit mit Spanisch-Maurisch-Mexikanischem, ohne je auch nur an den Rande des Kitschigen zu kommen. Ganz im Gegenteil: Barragáns sorgfältige, aber gewissermaßen gelassen-heitere Inszenierungen hauchen der europäischen Moderne genau jenen Esprit des Lebens- und Liebenswerten ein, der, mit Verlaub und Verbeugung, vielen gerühmten, aber oft von ihren Bewohnern verfluchten Architekturmonumenten etwa eines Mies van der Rohe und eines Corbusier abgehen. Viele Häuser Barragáns hingegen werden heute noch von ihren Erstbesitzern oder deren Erben bewohnt.

Das Architekturcredo des Mexikaners gehörte vor allem der Poesie der Fläche in ihren vielen Spielarten. Die glatte Mauer ist sein wichtigstes Architekturelement, selbst die Fenster gleichen meist eher durchsichtigen Wänden als Fensteröffnungen. Dazwischen schimmern Wasserflächen, lavaschwarz ausgelegte Innenhöfe, rundherum liegen die grünen Rasenflächen der Gärten, die für Barragán Teil des Hauses waren, sowie gesandete Wegflächen. Selbst die Stiegen scheinen kleine abgetreppte Altare der Fläche zu sein. Und darüber spannt sich der Himmel, laut Barragán die wahre Fassade des Hauses. Ausgeführt sind die Bauten stets mit einfachen traditionellen Baumaterialien, mit Ziegel, Lehm, Ton, Vulkangestein, Holz.

Diese so menschlich dimensionierte Mischung aus Uraltem und Modernem kommt weit her, hat viel gesehen. Auch Barragán, 1902 in eine reiche mexikanische Landbesitzerfamilie geboren, hat sich die Welt angeschaut, bevor er zu bauen begann. Doch wenig mehr ist allgemein über sein Leben bekannt. Er soll ein Gentleman der alten Schule gewesen sein, ein freundlicher, charismatischer Mann, der, zeitlebens unverheiratet, ohne Nachkommen starb. Er war ein Herrenreiter und Pferdefreund, und eines seiner prachtvollsten und berühmtesten Häuser - die Stallgebäude von Los Clubes - dürfen denn auch Pferde bewohnen.

Eine eingeschworene Anhängerschar hält das Andenken an den 1988 verstorbenen Charismatikers hoch. Barragáns architektonischer Nachlass wird von einer eigens ins Leben gerufenen Stiftung in der Schweiz gesichtet und geordnet. Ins Leben gerufen hat diese Stiftung Federica Zanco, als Sponsor sprang Edelsesselbauer Vitra ein. Barragáns Nachlass hatte man in einer New Yorker Galerie aufgetrieben, wo bereits Institutionen wie Getty und MoMa Interesse an Teilen der Sammlung bekundet hatten. Unter anderem zeigen Tausende von Fotos, die alle von Barragáns Lieblingsfotografen Armando Salas Portugal stammen, die Häuser sozusagen aus jenen Perspektiven, die Barragán sich gewünscht hat. Wer die Bilder betrachtet, sieht tatsächlich nicht, was der Künstler tat, sondern was er selbst sah.

Erschienen in "Der Standard"