Die Kunst des Gürkenmachens aus der Gurke

27.07.2012, gepostet von Ute,
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Man möchte meinen, die Beschäftigung des unprofessionellen Gurkenzüchtens für den Eigenbedarf sei recht beschaulich
und vor allem mit Geruhsamkeit für diejenigen verbunden, die ja nicht viel mehr tun müssen, als den Gurken beim Wachsen zuzuschauen. Wie sehr man doch selbst in Fällen scheinbar schlichter Tatbestände irren kann. Denn das Zuschauen beim Gurkenwachsen selbst stellt in der Tat überhaupt kein Problem dar. Das kann jeder. Die Schwierigkeiten beginnen vielmehr mit dem Wegschauen, und sei es noch so kurz und flüchtig. Bis zum nächsten Hinschauen haben sich die embryonenartigen Gürkchen, deren nächstes Wachstumsstadium man bereits in feinen Essig gebadet und mit Dillkraut und anderem dezent gewürzt im Glase schwimmen sah, zur Gurke ausgewachsen. Da es sich aber hier nicht um Salatgurken oder andere weniger kapriziöse Gurkensorten handelt, sondern um Einlegegurken, spielt die Größe eine Hauptrolle:

Wir wollen keine Gurken im Essig, sondern eben Gürkchen. Die kleinen, feinen, leicht gekrümmten. Cornichons genannt. Darauf sind wir trainiert, und außerdem sind das angeblich die Besten. Knackig im Biss, würzig im Aroma, klein genug für Wurstsemmel und im Fächerschnitt auf der Brettljause. Es ist aber, als ob diese verdammten Früchtchen geradezu darauf warten, dass die Gurkenbäuerinnen und Bauern ihnen den Rücken kehren. In unbeobachteten Momenten scheinen sie besonders schnell zu wachsen. Einmal kurz umgedreht – und schon hängen Keulen statt niedlich geschwungener Hörnchen an den Gurkenpflanzen. Wie sie das machen, ist nicht zu beobachten, es geschieht einfach. Als nicht professioneller Gurkenbauer erlebt man also dauernde Stresszustände, die selbstverständlich auch sehr stark von der eigenen Gier gespeist werden. Denn wenige Gurkenbauern sind bekannt, die es tatsächlich über sich bringen, ihre Gürkchen stets zur rechten Zeit zu ernten.

Viel zu klein erscheinen sie immer, wenn sie da noch an der Pflanze hängen, jedenfalls noch so klein, als ob sie eben doch noch diesen einen weiteren Tag zur Reife bräuchten. Oder vielleicht sogar auch zwei. Damit ein bisschen was dran ist, an den Guten. Und – zack – genau darauf scheinen sie, wie gesagt, gewartet zu haben. Drei Tage später: Gurke.An dieser Stelle empfiehlt sich jene epikureische Gelassenheit, die ohnehin das Pflegen jedes Gartens zur Voraussetzung hat, will man nicht, vom eigenen Ehrgeiz völlig blödsinnig gepeitscht, an dauernden Niederlagen zerschellen. Ist doch egal, wie groß die Dinger sind. Das Normmaß des professionell hergestellten Essiggurkerls ist sowieso nachgerade widernatürlich in seiner Regelmäßigkeit, und letztlich liegt die Größe des Gurkengeschmacks nicht in der Kleinheit: Wie erprobte Experten immer schon gewusst haben, schmecken die etwas größeren Gürkchen tatsächlich sogar noch besser, weil sie eben diese paar Tage Reifungsprozess unter der Sonne mehr in sich tragen. Die schauen zwar nicht mehr so fesch aus wie die Kleinen, sind aber noch aromatischer.

Bauen Sie also sofort jeglichen Stress ab, und kümmern Sie sich nicht mehr dauernd um Gürkchen oder Gurken.
Ärgern Sie sich niemals über zu groß gewordene Exemplare. Schneiden Sie sie einfach – gegebenenfalls geschält – in gefällige Stücke, und legen Sie sie trotzdem ein. Dass nur bester Essig das feinste Gürkchen hervorbringt, brauchen wir Ihnen wohl nicht zu sagen. Denn wer – wenn nicht gefräßige Genießer – tut sich so etwas wie Gürkchenzüchten überhaupt an? Na eben.