Die Blauen Stunden

15.11.2016,
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Folgende wahrscheinlich wahre Geschichte trug sich an einem Herbsttag im Jahr 1957 zu. Der damals bereits hochbetagte finnische Komponist Jean Sibelius war, wie jeden frühen Morgen, zu einem Spaziergang aufgebrochen. Er lebte mit seiner Frau zurückgezogen auf einem recht abgelegenen Anwesen am Ufer eines Sees. Das Grundstück war wild, unberührt und mit 4,2 Hektar riesengroß.


Sibelius war zu diesem Zeitpunkt 91 Jahre alt und bereits fast erblindet. So konnte er seine geliebten Wildvögel, die Zeit seines Lebens eine so wichtige Rolle gespielt hatten, kaum mehr sehen. Doch er hörte sie. Er hörte die Wildgänse auf ihrem Zug, er lauschte ihrem Flügelrauschen, ihren Rufen, und er genau so hörte er natürlich auch die Kraniche im Frühling an-, im Herbst wieder abreisen.


An besagtem Morgen kam der alte Mann erregt von seinem Spaziergang zurück und berichtete seiner Frau, ein Zug von Kranichen sei so niedrig über ihn hinweggeflogen, dass selbst seine schwachen Augen die Vögel hätten ausmachen können. Einer von ihnen habe sich völlig ungewöhnlicherweise aus der Gruppe gelöst, sei tief über ihm zurückgeflogen und einmal über dem Haus gekreist. Er habe danach die anderen wieder eingeholt, und der Kranichzug sei ruhig Richtung Süden weitergeflogen.


„Ich habe den Vogel meiner Jugend gesehen“, soll Jean Sibelius zu seiner Frau gesagt haben. Zwei Tage danach starb er auf seinem Anwesen. Dieses ist, nach seiner Frau Ainola benannt, in unverändertem Zustand heute ein Museum. Der Garten dürfte nicht mehr ganz so unberührt sein wie zu Sibelius Zeiten, doch das ist hier gar nicht das Thema.


Es geht vielmehr um das ganz frühe Aufstehen zu einer Zeit, in der die Welt nur den Wenigen zu gehören scheint, die schon wach sind. Im Falle des Komponisten nur die Vögel. Wirklich extreme Frühaufsteher können sich selbst hierzulande noch dem herrlichen illusionistischen Gefühl hingeben, allein zu sein, und natürlich sind Gärten und Parks, Wälder und wilde Fluren die idealen Beobachtungsposten für alles, was in den Blauen Stunden der Dämmerung passiert.


Halt, werden nun die literarisch Gebildeten unter Ihnen schreien und einwenden, der Begriff Blaue Stunde gelte nur für die Abenddämmerung. Doch ob der Tag kommt oder ob er geht macht letztlich wenig Unterschied für die Bläue. Außerdem haben Astronomie und Nautik sowohl Morgen- als auch Abenddämmerung in drei interessante Phasen gegliedert, die täglich vor unseren ignoranten Augen auf und abrollen, ohne groß beachtet zu werden, es sei denn, es ergeben sich spektakuläre Wolkenkonstellationen, die man fotografieren und den sozialen Medien preisgeben kann.


Für den früh aufstehenden Gartenmenschen beginnt die erste von ihnen, die sogenannte astronomische Dämmerung, nur als Ahnung eines sich in die Schwärze der Nacht mischenden dunklen Blaus. Die Sonne steht jetzt in einem Tiefenwinkel von 18 Grad unter dem Horizont. Wenn sie 12 Grad erreicht hat, der Horizont erkennbar ist und solange noch Sterne sichtbar sind, geht die astronomische in die nautische Dämmerung über, die ihre Bezeichnung noch aus der Zeit der Seefahrer zieht, als man sich nach den Sternen orientierte. Ab sechs Grad folgt die sogenannte bürgerliche Dämmerung, bis die Sonne schließlich aufgeht und der Zauber in den Tag übergeht.


Angeblich befinden sich unter uns Gärtnern besonders viele Frühaufsteher, was allerdings, soweit ich weiß, statistisch keinesfalls bewiesen und möglicherweise eine Legende ist. Dennoch scheint frühes Herumkramen in der Stille oft schon während der astronomischen Dämmerung eine beliebte Beschäftigung zu sein. Egal zu welcher Jahreszeit: Niemand stört. Das ist das Beste daran. Im Sommer ist es außerdem noch kühl zu dieser Zeit. Und immer beherrscht ein untertags niemals in dieser Intensität zu beobachtendes Wildleben die Szenerie.


Im Laufe meiner Frühaufstehergeschichte konnte ich beobachten: Füchse und Dachse in Wiener Vorgärten. Wildschweine samt Frischlingen in Parks. Waldkäuze und Uhus. Marder, so scheu sie auch sein mögen, fast in Streichelnähe. Sperber, die zwei Meter neben mir Amseln im Flug erbeuteten und seelenruhig zerlegten, was allerdings auch am helllichten Tag hätte passieren können. An einem Schleimfaden herabhängende und sich in akrobatischen Verschraubungen paarende Egelschnecken. Natürlich zahllose Rehe, Böcke, Feldhasen und andere Tiere der Felder und Wälder in zutraulicher Nähe.


Der besondere Zauber des frühen Morgens verfliegt mit dem Sonnenaufgang. Mit dem Tag beginnt das Handfeste, Lärmende. Auch gut. Aber lauter wird es jetzt. Notfalls legt man dann Sibelius auf. Die „Szene mit Kranichen“ beispielsweise.

Erschienen in der Presse

Nachtvögel

 

Die beiden hier sind übrigens nicht, wie die meisten anzunehmen geneigt sind, Krähenvolk, sondern ein Bussardpärchen.

 

Sie haben sich spätnachmittags eine Weile über dem Feld herumgetrieben und sind gerade im Begriff zurückzufliegen Richtung Wald.