Der Teufel hat zwei Hörner

30.08.2012,
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Irgendwann in den frühen 1970er-Jahren war es so weit. Unsere Nachbarin, die Frau Glatzl, richtete sich vom Krauthapplheundeln auf, deutete hinunter in Richtung breite Senke, die man schon vor langer Zeit völlig zu Recht das Steinfeld genannt hatte, und sagte zu meiner ebenfalls heundelnden  Großmutter auf der anderen Seite des Gartenzaunes: „Sie san schon hinterm Bahndamm. Es dauert nimma lang und sie san do!“

Den Teufel malte sie damit an die Wand, und der Teufel erschien auch bald in unseren mageren Trockengefilden. Langsam und beständig und unaufhaltsam kroch er daher, feuerrot, gehörnt und unbarmherzig, und von einer Gefräßigkeit, die unseres Kinder-Salatappetits Hohn spottete: Es kam in diesem Sommer die Rote Wegschnecke über uns, und das erschütterte selbst Menschen wie die Frau Glatzl. Wir waren sehr beeindruckt. Hatte sie doch noch den Kaiser erlebt und zwei Weltkriege und war, hochaufgeschossen, dürr und selten ohne Buckelkorb ihrer Wege gehend, eine steinalte Bäuerin geworden, die jede Gartenhexerei beherrschte, die schönsten Krauthappeln und vor allem Zwiebeln im Bezirk zog und die von einer derart reschen Strenge war, dass wir ihr lieber aus dem Weg zu gehen pflegten. Wir waren sehr aufgeregt. Denn etwas, das selbst die alte Glatzlin zu beunruhigen imstande war, musste das personifizierte Grauen hochselbst sein.

vor allem aber, ehrlich gesagt, das Vorbild derer, die alle christlichen Hemmungen verloren. Die unappetitlichste Methode entwickelte der brachial veranlagte Onkel, der frühmorgens hasserfüllt große Bottiche voll kochend heißen Wassers durch seinen devastierten Blumengarten schleppte und die Viecher kurzerhand in der Brühe ersäufte. Mir schien das schon als Kind eine grausame Methode, ebenso wie das Gegenmittel, das die Urgroßmutter ein paar hundert Meter weiter ersann: Sie befestigte am Ende eines langen Stocks die in den 1970er-Jahren gerade modisch gewordenen Bratenspießchen, denen man neckisch die Form kleiner Schwerter gegeben hatte, und erstach damit nächtens und mit der Taschenlampe ausgerüstet die Biester. Eines nach dem anderen spießte sie die sich krümmenden roten Leiber zu einem gräulich unappetitlichen Grillstäbchenarrangement auf, um die Leichen schließlich auf dem Misthaufen aufzubahren.

Die Überlebenden, so behauptete sie, würden sich bald daran gütlich tun und dienten posthum somit quasi als Lockmittel für weitere Opfer am Morgen. Bevor sie auf diese Methode verfallen war, hatte man ihr gesagt, dass auch das Salzen den Tieren schade, doch beim Anblick der schäumenden, sich windenden Kreaturen hatte selbst sie Erbarmen gezeigt und ihre Methoden raffiniert. So voller Abscheu die Erwachsenen auch waren, uns Kindern, die wir noch keine Salatpflänzchen und Lilienkulturen zu verteidigen hatten, grauste eigentlich nicht vor den Viechern. Im Gegenteil. Wer die größte Schnecke fang, war Schneckenkönig, und die Lieblichkeit der Wellenbewegungen, mit denen sich die Mollusken bäuchlings fortbewegen, wurde auf Glasplatten sichtbar und zu einem Wunder der Natur gemacht. „Das können die Weinbergschnecken auch“, geiferten die Gärtner, „und gegen diese weit edleren Tiere haben wir rein gar nichts.“