Das Jahr der Wilden Beeren

06.09.2014,
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Nach einem schwächelnden Sommer, der sich vom Krankenlager nie wirklich erheben wollte, kommt erstaunlich zeitig der Frühherbst über uns. Die Holunderbeeren tragen bereits Schwarz. Die Kornelkirschen werden rot. Spinnen lassen ihre Altweiberfäden fliegen. Laut Phänologischem Kalender, der das Jahr anhand von Zeigerpflanzen und deren Reifezustand in zehn Jahreszeiten teilt, ist damit der Spätsommer vorbei. Ein Hauch von Wehmut kommt auf. Doch die reichen Regengüsse der vergangenen Wochen und Monate bewirkten auch ihr Gutes - und wo auch immer das Erfreuliche zu finden ist: Wir ergreifen es mit beiden Händen.

 

Pensionisten und Frühaufsteher beispielsweise jagen derzeit in den Morgenstunden und in eifersüchtig konkurrierenden Rudeln in den Wäldern nach dem Glück des Augenblicks: Mit gut gefüllten Körben kehren sie vom Schwammerlsuchen wieder, wenn andere erst nachtblind nach der Kaffeemaschine tappen. Wo sie denn gewesen seien? Diese Frage stellen nur Anfänger. Jedes Landkind weiß doch, dass die exakten Koordinaten wirklich guter Schwammerlplätze tabu sind. Sie werden vererbt oder widerwillig durch Einheirat in Schwammersucherclans bekannt gegeben. Oh, antworten die Schwerbeladenen ausweichend auf die törichte Frage und blicken die fernen Berggipfel am Horizont entlang: Wir waren im Wald...

 

Auch die Nachbarn haben derzeit verdächtig leuchtende Augen und noch zerkratztere Extremitäten als sonst. Sie huschen seit Tagen zwischen dem nahe gelegenen Forst und ihrer Küche hin und her wie Eichkätzchen, die von der bevorstehenden Ankunft des Winters nicht überrascht werden wollen. Pilze pflegten sie in der Vergangenheit mit uns, den Nachbarn, zu teilen. Bis dato haben sie jedoch noch kein einziges Schwammerl rausgerückt. Es muss sich also um andere, kostbarere Beute handeln. Seit die Nachbarin so nebenbei die Frage stellte, ob ich denn noch leere Marmeladegläser übrig habe, im besten Fall eher kleine, ist die Sachlage klar: Sie haben irgend einen besonderen Beerenschlag entdeckt.

Sollten Sie die sauren Winzlinge ernten wollen, so pflücken Sie strikt nur die wilde Berberis vulgaris und rebeln sie säuberlich ab. Alles andere am Strauch ist unbekömmlich, und auch die Beeren mancher Zierberberitzen sollen giftig sein. Die Früchte der Gewöhnlichen Berberitze hingegen galten immer schon als Delikatesse. In getrockneter Form sind sie eine elementare Zutat der orientalischen Küche. Henry David Thoreau wusste in seinen zwei einsamen Jahren in der Waldhütte damit zwar nichts anzufangen: "Der Berberitze gleißende Frucht diente nur meinen Augen als Nahrung." Doch möglicherweise hatte Rainer Maria Rilke unter anderem Berberitzenmarmelade im Sinn, als er den Abschied vom Sommer in zartsaure Verse goss: "Jetzt reifen schon die roten Berberitzen, alternde Astern atmen schwach im Beet. Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht, wird immer warten und sich nie besitzen."

 

Wir warten keineswegs. Wir fühlen uns reich. Wir befinden uns im Vollbesitz unser selbst - und nicht nur das: Wir greifen mit beiden Händen nach dem  Erfreulichen und hantieren mit Kochlöffeln, Einkochgläsern und Dörrgeräten. Wir eilen zwischen Wald und Küche hin und her. Auf den Frühherbst folgen nur noch Voll- und Spätherbst. Dann kommt der Winter. Aber auch das nur vorübergehend.

Erschienen in der Presse