Das Glashaus und wir

10.08.2012, gepostet von Ute Woltron,
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Ich fuhr mit quietschenden Reifen kurz vor Geschäftsschluss beim Gartenmarkt meines Vertrauens vor. Dort stand es auf dem Parkplatz. Geräumig, aber nicht zu groß. Mit eleganter Schiebetür und lässigem Klappfenster. Ein Traum aus Aluprofilen und Stegplatten – und gespickt mit tückischen Winkeln und Verbindungsstücken, aber das wusste ich zu diesem seligen Zeitpunkt noch nicht. Dieses Glashaus, so dachte ich unschuldig, während ich es prüfend und begehrlich umstrich, wäre perfekt für mich, meine Pflänzchen, meinen bis dato kläglich glashauslosen Garten. Dieses Glashaus, das war klar, eröffnete ungeahnte Dimensionen für Vorzucht und Hege und die Verlängerung der ewig zu kurzen Gartensaison. Auch der Zeitpunkt – es war Vorfrühling – schien günstig, wahrscheinlich stand selbst der Mond im rechten Haus, der Preis war reduziert, und, ach, der langen Rede kurzer Sinn: es gab, dem Teufel namens Kreditkarte zum Dank, kein Halten mehr.

Ich erreichte mein Heim mit Tulpenzwiebeln, einer ansehnlichen Menge Dahlienknollen, neuen besonders scharfen Rosenscheren, mit rund einem Zentner Anzuchterde, mehreren Dutzend Samenpackungen und sonstigen Kleinigkeiten, die im Frühling das Gärtnerherz erwärmen – und mit einer voluminösen Kiste, deren Inneres verheißungsvoll schepperte: Das Glashaus, noch in seinen Einzelteilen einer Metamorphose des raschen, kundigen Zusammenbaus harrend.

Akkuschrauber und viel Kaffee


Kein Problem, dachte ich, schließlich habe ich das Studium der Architektur hinter mir, verfüge über einen Akkuschrauber und das Wochenende steht bevor. Ich kramte nach der in rund siebenundvierzig Sprachen abgefassten Gebrauchsanleitung meiner neuesten Errungenschaft und begab mich zu Bette. Noch schlief ich gut, obwohl mich nach einem kurzen Überfliegen der Konstruktionshilfestellung doch eine erste Ahnung beschlichen hatte, dass nach diesem schriftlichen Gestammel das Vorgehen ein kompliziertes werden könnte. Doch der nächste Tag brach mit Kaiserwetter an, und im arroganten Selbstvertrauen des technisch Nicht-Unkundigen breitete ich zuallererst alle Einzelteile dessen, was später zur Oase feuchter Fruchtbarkeit werden sollte, vor mir aus. Nachdem ich etwa dreihundert Quadratmeter säuberlich mit Teilen verschiedenster Form und Größe bedeckt, sowie Schrauben, Muttern und Schellen ungeahnter Vielfalt sortiert hatte, hielt ich inne.

 

Ich brauche einen Verbündeten, dachte ich, und holte meinen nachbarschaftlich angesiedelten Vater. Er eilte begeistert noch vom Frühstückstisch herbei. Gemeinsam glaubten wir die Ära des Mistbeetes überwunden, und während wir uns zur Einstimmung mit Kaffee stärkten, wuchsen bereits die fettesten Paradeiser in unserem Glashausphantasiegarten.

Angesichts der Menge unterschiedlichster Teile stutzte er kurz und kaum merkbar, um sich dann sofort tatkräftig über die Elemente zu stürzen. Nach etwa zehn Minuten klappernden Hantierens verlangte er nach mehr Kaffee und stärkeren Zigaretten. Nach einer halben Stunde stand ihm sein Haupthaar wirr und schweißgtränkt zu Berge, über meinen Anblick kann ich nichts berichten, nur so viel: Er muss nicht unähnlich gewesen sein. Wir legten eine Pause ein und schwiegen ein wenig.

Ringen mit dem Gerümpel

Dann begannen wir aufs Neue. Nach einer geräumigen Zeitspanne verbissener Gesichtswahrung und ohne auch nur eine einzige Verbindung der diversen Streben, Stützen und Aussteifungen sinnvoll aneinander gefügt, geschweige denn die Scheiben auch nur berührt zu haben, ließen wir das Werk abermals ruhen und sagten Dinge, die zu wiederholen ich mich an dieser Stelle schäme. Dennoch gaben wir nicht auf, sondern fuhren sicherheitshalber zum Gartenmarkt meines Vertrauens, um das dort fachkundig zusammengesetzte Glashaus-Schaustück, diesen Köder für Gartenfreunde, zu studieren.

Wieder heimgekehrt erkannten wir kein einziges Teil wieder. Wir lasen zum etwa siebenundachtzigsten Mal die Gebrauchsanweisung und versuchten abermals, die verschiedensten Stabkombinationen zusammenzufügen, ohne jedoch die Gesetze der Statik überlisten zu können.

Nachdem wir, der Familie Laokoon gleich, ein paar Stunden mit dem Gerümpel gerungen hatten, gaben wir auf. Langsam kehrte so etwas wie der Friede der Kapitulation in unsere Seelen ein. „Wir werden delegieren“, sagte mein Vater und umschrieb damit den wohl kapitalsten handwerklichen Flop, den die Familie seit Generationen hatte hinnehmen müssen. „Irgend jemand hat dieses Schau-Glashaus zusammengebaut. Und den werden wir dingen.“

In der Reparaturabteilung des Gartenmarktes meines Vertrauens wurden wir als alte Stammgäste herzlichst in Empfang genommen. Die uns entgegengebrachten Freundlichkeiten kühlten deutlich ab, sobald unser Anliegen Form angenommen hatte, ja sobald die Wortkombination „Glashaus“ und „zusammenbauen“ unseren aufmunternd lächelnden Mündern entschlüpft war. Man werde anrufen, hieß es, sobald jemand Zeit habe, das Ding vor Ort zusammenzuschrauben. Die Wochen vergingen. Die Glashausfundamente waren längst betoniert. Der Frühling kam. Der Anruf blieb aus.

Es wird, es wird!

Gegen Anfang Mai unternahm ich einen neuerlichen Vorstoß. Quasi händeringend bat ich die Mannen des Konrath, so heißt der beste Grünmarkt des südlichen Niederösterreich, um Unterstützung, und irgendwann brach dann tatsächlich jener Tag an, an dem frühmorgens ein Kastenwagen mit gut bestückter Werkzeugbatterie verheißungsvoll über meine Auffahrt holperte. Der Mann, der ihm entstieg, erweckte einen dynamischen und optimistischen Eindruck. Ich versorgte ihn mit Kaffee. Er ging ans Werk. Nach etwa einer Stunde verlangte er nach Bier. Nach einer weiteren konnte ich ihn dabei beobachten, wie er Schraubenzieher und andere Gerätschaften mit jener Unsanftheit zu Boden warf, die auf eine gewisse Unwirschheit schließen lässt. Zwischenzeitlich hatte er alle Insignien der Dynamik und des Optimismus verloren, und irgendwie dauerte er mich. „Ich brauche Unterstützung“, keuchte er und fuhr davon.

Das Einzige, was ich während seiner Abwesenheit tun konnte, war, mehr Bier einzukühlen. Als er mit dem fachlichen Wissen glashauserfahrenerer Kollegen ausgestattet wiederkehrte, stand die Sonne auf Mittag. Erst als sie unterging, begann das Konstrukt langsam Form anzunehmen, und noch bevor sie wieder aufging, war das Glashaus tatsächlich fertig gestellt. Im Lichte dieses Erfolges tranken wir in stockfinsterer Nacht zum Abschluss gemeinsam noch ein Bier, und ich erfuhr zu meiner großen Befriedigung, dass wir beileibe nicht die einzigen Kunden waren, die an den Tücken dieser ausgefeilten Technologie gescheitert waren, ja dass sich das Glashauszusammenbauen in diesem Frühling zu einem zentralen, gleichwohl zum verhasstesten Geschäftszweig des Gartenmarktes entwickelt hatte.

Aber dann der Sturm

Ich überwand den Schmerz über die Rechnung, die ich wenige Tage später zugestellt bekam, nur langsam. Das fruchtbare Treiben unter Glas half über das Schlimmste hinweg, doch nur bis zum Tage des ersten heftigeren Sommergewitters, das mit Sturmböen über den Schneeberg daherkam. Als der Wind nachließ, ähnelte das, was einmal ein Häuschen gewesen war, den Blattstrünken kräftiger Urwaldpflanzen, die gerade dem Überfall einer Blattschneiderameiseninvasion zum Opfer gefallen sind. Ich sammelte die verwehten Scheiben im Umkreis mehrere hundert Meter ein und fügte sie unter Zuhilfenahme vieler Tuben farblosen Silikons mühsam wieder in ihre Fassungen.

Solchermaßen überstand das Glashaus zwar die Sommerstürme, nicht aber die Winde des Winters. Sie hinterließen ein Trauerspiel aus nacktem Aluminium und klaffenden Löchern. Mittlerweile ist wieder ein Vorfrühling angebrochen. Demnächst werden wir die Sanierungsarbeitern erneut aufnehmen. Noch haben wir nicht die Kraft dazu gefunden. Ich sollte zum Konrath fahren und Silikon einlagern, doch fehlt mir die Überwindung, mich dem Anblick der dort ausgestellten tadellosen Glashausexemplare zu stellen. Irgendwie ist man als Glashausruinenbesitzer auch nur ein Mensch.