Das Ei als Case Study

15.09.2012,
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Der Umstand, dass auf diesem Grundstück ein halbes Dutzend Legenhennen ihren Dienst tun, wird von manchen intellektuellen Stadtfräcken gerne als nostalgisch-romantischer Spleen belächelt und damit missverstanden.
Auch Leute, die dazu übergegangen sind, sich in den dafür geeigneten Monaten des Jahres mit selbst-Angebautem zu versorgen, werden oft als schrullig abgetan. Und wenn dann einer sein eigenes Sauerkraut einschneidet, Salzgurken vergärt und Erdäpfel einlagert, kann endgültig kopfschüttelndes Unverständnis aufkommen. Nicht bei allen, aber noch bei vielen. Damit kann der Mensch allerdings tadellos leben. Vor allem, wenn er weiß, welche Massen unerwünschten Mistes in Form von Pestiziden, Kunstdüngern, chemischen Zusatzstoffen, Konservierungsmitteln und anderen mittlerweile nicht mehr hinterfragten Abscheulichkeiten in den Regalen der Supermärkte lagern.

Das Huhn, um auf diese braven Tiere zurückzukommen, ist in vielerlei Hinsicht nützlich und kann als Case-Study für die komplizierten Zusammenhänge von allem mit allem hergenommen werden.
Es hat viele bestechende Vorzüge: Es gilt als eines der wenigen "treibhausneutralen" Nutztiere, weil es beispielsweise im Gegensatz zum Rind keine Methanfurze lässt. Es frisst alle Küchenabfälle auf. Es frisst erfreulicherweise auch besonders gerne Schneckengelege. Es liefert mit dem Hühnerdreck eine der besten Grundlagen für die Düngung des Gartens. Hendldreck, mit Wasser zur Jauche angesetzt, drei, vier Wochen vergoren und sodann eins zu zwanzig verdünnt auf Blumen, Gurken, Paradeiser aufgebracht, hat sich in den vergangenen Jahren empirisch als der beste aller Dünger erwiesen. Im Gegensatz zu Industriedünger übrigens ebenfalls treibhausneutral. Und dann liefert das Huhn auch noch Eier - bis zu 300 pro Jahr. Das frei laufende, gut gefütterte Huhn legt noch dazu Eier, deren Geschmack so dermaßen weit über alles hinausragt, was man als Bio-Ei im Supermarkt bekommt, dass man nachdenklich werden kann. Doch so einfach ist es bei genauerer Recherche nicht, das ideale, gesunde, Bio-Ei zu erlangen. Denn Hühner brauchen, um Eier bilden zu können, ein proteinreiches Futter, das entgegen der landläufigen Meinung nicht nur aus Körnern besteht.

Um den Eiweißbedarf zu decken, benötigt ein Huhn enorm große Areale, in denen es alle proteinliefernden Käfer, Würmer, Insekten pickt, die es finden kann.
Doch tausende Quadratmeter Wiese stehen kaum zur Verfügung. Fazit: Auch Hühner mit großem Auslauf benötigen Protein-Zusatzfutter - und da finden Sie einmal eines, das garantiert frei ist von gentechnisch behandelten Grundstoffen, vor allem dem Proteinlieferanten Soja. Es gibt zwar Bio-Futter. Das mögen die Hühner aber nicht. Außerdem enthält es sehr wenig Protein. Es gibt zwar die Möglichkeit, sich mit Topfen, einer Hühner- Lieblingsspeise, über die Runden zu helfen - doch wer garantiert wiederum, dass diese Kühe kein Futter aus importiertem, gentechnisch selbstverständlich behandeltem Soja fraßen? Wenn man Leute fragt, die im System bewandert sind, kriegt man höchstens ein trauriges Lächeln zur Antwort. Das alles beleuchtet den Kreislauf, in dem wir uns befinden und soll lediglich darauf verweisen, dass die ewige Betonung, Österreich wäre eine letzte bravourös verteidigte Enklave der Gentechnikfreiheit ein kompletter Unsinn, um nicht zu sagen ein klassischer Betrug ist. Doch Betrügereien in großem Rahmen stehen dieser Tage sowieso auf der Tagesordnung.  Ich möchte wenigstens über mein Frühstücksei und meine Salzgurken bestimmen können, wenn ich ansonsten schon hinten und vorne gelackmeiert werde - damit einer kollektiven Ohnmacht angehörend, die von den Zuständen in diesem Land langsam echt verdrießlich gestimmt ist.