Dahlien oder Brombeermarmelade

22.07.2017,
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Lange Zeit bin ich früh aufgestanden. Nicht auf die Suche nach der verlorenen Zeit begab ich mich, sondern auf die Jagd nach der Schnecke. Mit einem wohlgeschärften Rebscherchen kroch ich durch alle Unterhölzer, zumal dort, wo Natursteinmauern für Mollusken aller Art traumhafte Unterschlüpfe bieten. Manch schöne Strecke erlegte ich im Laufe vieler feuchter Frühlingsmorgen. Umsonst.


"Die Erschaffung der Welt hat nicht ein für allemal stattgefunden, sie findet unabwendbar alle Tage statt", sagte einer der Berühmtesten unter den Frühaufstehern, Marcel Proust. Dieser Satz gilt auch für die tägliche Neuerschaffung von Nacktschnecken. Die scheint mit rasender Geschwindigkeit vonstatten zu gehen. Er gilt bedauerlicher weise jedoch nicht für deren Lieblingsspeise, die Dahlie.


Drei Dutzend Dahlienknollen, mit Sorgfalt in Papiersäcken aufbewahrt und über den Winter gebracht ohne zu verschimmeln, zu vertrocknen oder einer sonstigen Unbill zum Opfer zu fallen, hatte ich hoffnungsfroh eingegraben. Es haben nur fünf davon überlebt. Die anderen hatten es zumindest wacker versucht, hatten immer wieder ausgetrieben, waren immer wieder abgefressen worden vom abscheulichen Schneckengetier. Jetzt rührt sich nichts mehr.


Die Nachbarin hat wieder einmal die Nase vorne. Ihre Dahlien sind hüfthoch aufgeschossen und blühen bereits. Sie unterzieht sich ab März jedes Jahres der Mühe die Dahlienknollen einzeln in Töpfe zu setzen, sie in der geschützten Werkstatt des Glashauses vorzuziehen und erst dann auszupflanzen, wenn sie eine von Schnecken nicht mehr vernichtbare Größe erreicht haben. In den Anfangsphasen ihres Freiluftaufenthalts schützt sie die Pflanzen mit zwar reizlosen, doch offensichtlich nützlichen Schneckenringen aus durchscheinendem grünen Plastik samt Rand, der von den Mollusken nicht überkrochen werden kann.


Gut. Ich muss die Dahliensituation der kommenden Jahre überdenken. Für heuer bleibt mir nur, mich an anderem zu ergötzen. So etwa an den erst im Vorjahr eingesetzten Brombeeren. Angesichts der schwarzglänzenden Last, die sie tragen, muss noch einmal der alte Proust her: "Es wird uns nicht gelingen, die Dinge gemäß unseren Wünschen zu verändern, doch mit der Zeit verändern sich unsere Wünsche." Wunderbar. Was sollen mir Dahlienblüten, wenn ich Brombeermarmelade kochen kann. Ich wünsche keine Dahlien mehr. Ich wünsche Brombeermarmelade.


Mit der hat es eine ganz eigene Bewandtnis. Denn lange waren die Gartenbrombeersorten außer großfrüchtig, sehr dornig und wüchsig gar nichts. Sie waren im Vergleich zu den kleinen wilden Brombeeren völlig geschmacklos. So zogen die Nachbarin und ich denn stets im Herbst mit Milchkannen ausgerüstet zu den verborgenen Brombeerschlägen der Umgebung - selbstverständlich frühmorgens, denn man ist nur dann allein auf der Welt. Kommt man zu spät, sind sie weg. Wir Leute vom Land wissen, was gut ist. Waldbrombeeren, unvergleichlich, wunderbar -und höchst begehrt!


Wenn es allerdings ab Juni schon so trocken ist wie heuer, wird das nichts mit den Brombeeren. Die brauchen nicht nur warme Sommer, sondern auch genügend Feuchtigkeit um die Wurzeln. Schon in der Dürre des Vorjahrs war da nichts zu holen gewesen im Wald, weshalb ich auch besagte Gartenbrombeere eingrub. Denn die Beerenzüchterzunft, das berichtete der Michael Bauer, welchselbiger einer der begnadetsten Belieferer der heimischen Spitzengastronomie ist, hat beglückender weise nicht geschlafen und in den vergangenen Jahren einige hervorragende Sorten hervorgebracht. Meine heißt Loch Ness.


Eine echte Empfehlung: Diese Brombeere hat keine Stacheln, was die Sache ebenfalls viel einfacher macht, und sie trägt in unglaublichen Mengen große, süße, aromatische, gesunde, saftige - hier gehen mir die Superlative aus - Früchte.


Die Brombeere rankt über einen ausgedienten Rosenbogen, weil das die Ernte gemütlich macht. Nach der ganzen Schneckenkriecherei hat man sich das verdient. Angesichts der vielen Blüten und unreifen Beeren darf zufrieden auf weitere Ernte über viele Wochen geblickt werden. Mitunter sollte also die Suche nach dem Verlorenen unterbrochen und freudig in die Zukunft geblickt werden. Wobei - der Verlust der Dahlien schmerzt dennoch. Mit den Schnecken hier bin ich noch nicht fertig. Noch lange nicht....

 

Immer ohne Gelierzucker
Brombeermarmelade

 

  • 1 kg Wilde Brombeeren
  • 800 g Zucker
  • 1 Zitrone

 


Die Brombeeren mit dem Zucker und dem Zitronensaft mischen, eine Stunde Saft ziehen lassen, dann einmal kurz aufkochen. Zugedeckt kühl über Nacht stehen lassen. Am nächsten Tag hat man zwei Möglichkeiten: Man kann die Masse entweder durch die Flotte Lotte drehen und so die Kerne entfernen, oder man kann die Kerne drinnen belassen. In jedem Fall nach dieser Entscheidung die entkernte oder die kernige Masse etwa fünf Minuten sprudelnd kochen und abfüllen. Über die exakte Kochlänge entscheidet, wie stets, die Gelierprobe.