Als wir die Familie Rockefeller waren

25.11.2012,
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An einem Herbsttag vor gefühlten hundert Jahren begleitete ich, wie meistens, meinen Großvater zu seinen nahe gelegenen Forellenteichen. Wir latschten in Gummistiefeln, seine übertrafen meine bei weitem, die reichten ihm fast bis zum Hintern, waren also ungefähr so hoch wie ich groß. Damit watete er in den Teichen herum, um den Zustand der „Mönche“ noch vor dem Winter zu kontrollieren. So nennt man die Zu- und Abläufe für das Teichwasser. Die waren aus Holz und selbst gemacht. Der Schlamm, den er bei dieser Tätigkeit aufzuwühlen pflegte, trübte das klare Quellwasser. Die Forellen verzupften sich augenblicklich wie Unterwassersilberpfeile in die entfernteste Teichecke, dorthin, wo sich die große Trauerweide bis hinunter zur Wasseroberfläche neigte. Mir war der Anblick auch zuwider. Braune Dreckschlieren im säuberlichen kalten Reich – ich floh den Hang hinauf ins Schilf, dorthin, wo aus einem Loch im Erdboden magischerweise das Wasser quoll, das, ein Stück weiter unten in Rohren aufgefangen, diese Teiche speiste.

Dort war man stets für sich. Dort konnte man gelegentlich Rehe aufschrecken, brunftige Rehböcke durch gekonntes „Fiepen“ mit zusammengepressten Lippen bis auf wenige Meter anlocken, den Eisvogel beobachten und Schlammburgen bauen, ohne die Bachforellen zu belästigen. In einer Vertiefung abseits der Quelle war mitten im Schilf eine Lacke entstanden, in der watete ich mit meinen kleinen Gummistiefeln herum. Und dort entdeckte ich etwas, das mich erstarren ließ, und das sich im kindlichen Gemüt zu einer Katastrophe aufbaute: Durch das Herumwaten hatten sich ölige Schlieren auf der Wasseroberfläche gebildet. Schillernd schön, aber meiner Ansicht nach hatte ich mit meinen Stiefeln die Vorboten sofortigen Untergangs aus dem Erdinneren heraufbeschworen.

Gefühlte hundert Jahre später zog ich dieser Tage wieder einmal Gummistiefel an und ging hinaus, um die letzten Wurzeln im Gemüsegarten zu bergen. Karotten, gelbe Rüben, Peterwurzen, Sellerie, Pastinaken. Jetzt liegt der Garten in herbstlichem Nebel. Die Blätter sind gefallen, es ist nass und die Natur verwandelt das, was gesprossen ist, wieder zurück zu Dung und Humus, und in mancher Lacke schillert es wie Öl. Da fiel mir diese Zeit, in der wir reich waren wie Rockefeller, wieder ein. 

Seither hat sich die Erde erwärmt, man streitet herum, ob menschgemacht, ölverschuldet oder nicht. Auf dem Hang blüht mitten im November der Kirschbaum. Ob wir damals die letzten Karotten auch erst im November aus der Erde holten, kann ich nicht mehr sagen, es kommt mir aber eigenartig spät vor.
Erschienen in der Presse